Keine Angst vorm “bösen Wolf”!

Wolf Kinder gefährlich
© Martin / Adobe Stock

Wölfe in Deutschland – diese Schlagzeile ruft vielerorts zunächst Skepsis oder auch heftige Diskussionen hervor. Insbesondere Eltern, die mit ihrem Nachwuchs gerne in der Natur unterwegs sind, stellen sich viele Fragen.

Sind Wölfe für den Menschen und speziell für Kinder gefährlich? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich auf Wölfe treffe? Wo in Deutschland und Österreich gibt es überhaupt Wölfe? Und warum werden die wachsenden Populationszahlen von Naturschützern als Erfolg gefeiert?

Die Geschichte der Wölfe in Deutschland – vom Kulturfeind zum geschützten Rückkehrer

Der Blick zurück beweist: In früheren Jahrhunderten waren Wölfe in europäischen Wäldern eine Selbstverständlichkeit. Bei der kleinbäuerlichen Gesellschaft erfreute sich dieser Umstand allerdings keiner großen Beliebtheit. Da die Bauern ihre Nutztiere oft ungeschützt in den Wald oder auf Weiden trieben, wurden diese häufig von Wölfen gerissen. Diese Verluste konnten schnell existenzbedrohend werden – und schürten damit den Hass auf die Wölfe. Im Zuge dessen begannen intensive Jagden auf die bestehenden Rudel, die vermutlich im Jahr 1904 zur völligen Ausrottung der Wölfe auf deutschem Boden führten.

Zur Freude vieler Naturschützer blieb es dabei jedoch nicht: Knapp 100 Jahre später, im Jahr 2000, wurden in Brandenburg erstmals wieder Wolfswelpen geboren. Diese Wölfe stammen von Tieren aus Polen ab, die ihren Weg bis über die Grenze gefunden haben. Da Wölfe mittlerweile durch internationale und nationale Gesetze streng geschützt sind, konnte sich die Population seit der Rückkehr der ersten Tiere seitdem stetig erhöhen.

Die Wolfspopulation in Deutschland und Österreich

Seit der Rückkehr im Jahr 2000 ist die Zahl der Wölfe deutlich und stetig angestiegen. Forscher gehen derzeit von etwa 60 Rudeln und 13 Paaren sowie einigen Einzeltieren aus. Insgesamt leben damit aktuell mindestens 300 Wölfe in Deutschland*. Das Verbreitungsgebiet der Rudel lässt sich dabei klar eingrenzen: Die meisten Tiere leben in Ostdeutschland, vor allem in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie in Niedersachsen. In Österreich fallen die Zahlen demgegenüber deutlich geringer aus. Hier leben derzeit etwa 15 Tiere* – jedoch ebenfalls mit steigender Tendenz.

Warum Wölfe wichtig sind

Weshalb begrüßen Fachleute die zunehmende Verbreitung der Wolfsrudel in Deutschland? Für die Antwort ist ein Blick auf das natürliche Ökosystem in Wäldern entscheidend. Wölfe gehören als typische Beutegreifer zu den “Polizisten” des Waldes, die den Bestand der Beutetiere auf natürliche Weise kontrollieren und zudem kranke und schwache Tiere fressen. In den Jahrzehnten ohne Wölfe kam eben dieses Gleichgewicht zum Erliegen – mit schädlichen Folgen. Die Wiederansiedlung der Wölfe kann auf diese Weise einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, das Gleichgewicht im Wald (wieder)herzustellen.

Der Wolf und der Mensch – sind Wölfe gefährlich?

Die Statistik bestätigt die Kenntnisse der Fachleute: Seitdem es wieder Wölfe in deutschen Wäldern gibt, ist kein Mensch durch ein Tier verletzt worden. Da Menschen nicht zum natürlichen Beutespektrum der Wölfe zählen, interessieren sich diese in der Regel nicht für zweibeinige Lebewesen und beachten sie zumeist gar nicht. Die europäischen Zahlen bestätigen die These von der Ungefährlichkeit der Wölfe für Menschen. Zwischen 1950 und 2000 wurden in ganze Europa insgesamt 59 Zwischenfälle registriert, die jedoch allesamt auf das vorherige Anfüttern oder Provozieren der beteiligten Wölfe zurückzuführen waren.

Wolf und Mensch im direkten Kontakt: So reagierst du richtig

Begegnet dir ein Wolf im Wald, ist zunächst einmal Ruhe bewahren das Wichtigste. Du kannst das Tier aus der Entfernung beobachten und dich langsam zurückziehen. Solltest du dich allerdings unwohl fühlen, lassen sich die meiste Wölfe auch mit einfachen Mitteln vertreiben. Dafür rufst du entweder energisch, klatschst in die Hände oder erzeugst auf andere Weise ein lautes Geräusch. Viele Wölfe verschwinden bei diesem Lärm von selbst.

Unterlassen solltest du hingegen alles, was Wölfe in Bedrängnis bringt. Lauf oder fahre dem Tier nicht hinterher, locke es auf keinen Fall an und versuche auch nicht, möglichst nahe an ihn heranzugehen. Fotos lassen sich mit einer guten Kamera auch aus der Entfernung schießen.

Wölfe und Kinder:
Kann ich mit meinem Kind gefahrlos einen Wald besuchen, in dem Wölfe leben?

Wölfe stellen auch für Kinder keine grundsätzliche Gefahr dar. Damit das etwaige Zusammentreffen mit Wölfen oder auch anderen Wildtieren reibungslos verläuft, empfiehlt es sich allerdings, mit dem Nachwuchs schon frühzeitig Regeln für das Verhalten in der Natur und den Umgang mit wilden Tieren zu besprechen. Dass Kleinkinder im Wald generell von Erwachsenen beaufsichtigt werden sollten, versteht sich hoffentlich von selbst.


*Stand 2018

Rebecca Sommer Journalistin Autorin Naturkind
Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind.

  1. Liebe Frau Sommer,

    „Das Leben ist kein Ponyhof“ Dieser Spruch wird gerne von Menschen mit Lebenserfahrung verwendet.

    Weltweit gab und gibt es Übergriffe von Wölfen auf Menschen. Vom Säugling bis zum 2-Meter-Hünen. Daher finde ich es unverantwortlich, den Kindern und Erwachsenen einzureden, Wölfe seien nicht gefährlich. Selbst die führenden Wolfsexperten, räumten in der NINA-Studie ein, daß die Angst der Menschen bezüglich Wölfe, auf Grund der schriftlich festgehaltenen Vorfälle, berechtigt sei.
    Auch für die Umwelt ist der Wolf kein Gewinn. Hohe Zäune (der Wolf kann diese von Natur aus überwinden), teils mit hohem Starkstrom, sind für alle Anderen Wildtiere ein Hindernis oder aber sogar eine tödliche Einrichtung.
    Der Wolf reguliert auch nicht den Wildbestand. Er frisst solange, bis nichts mehr da ist. Daher hat man ja auch einen Vertrag mit REWILDING abgeschlossen, denn diese sorgen für Nachschub mit ihren gezüchtetem Rehwild.
    Wer den echten „Europäischen Wolf“ liebt und schützen möchte, der sollte sich gegen diesen falschen Schutz aussprechen, denn diese sichtbaren Hybriden, welche sich immer mehr ausbreiten, zerstören deren Stamm.
    Laut NINA-Studie hat es noch nie eine funktionierende Koexistenz von Mensch und Wölfen gegeben. Nicht umsonst hat man sogenannte Experten ausgesucht, welche keinerlei Erfahrung mit Wölfen hatten. Schaut man, wer WWF (alias LCIE, alias IUCN…) gegründet hat, darf man von Ausgehen, dass weder Natur- noch Menschenschutz eine Rolle spielen.
    Eine Umfrage bei den Lesern unserer Tageszeitung hat ergeben, daß 80% den Wolf fürchten.
    Beruhigend, daß es doch noch so viele Menschen mit gesundem Verstand gibt. Trotzdem wird gerne publiziert, daß lediglich 20% gegen die Verbreitung dieser Raubtiere sei.

    1. Liebe Frau Sabine Gräf,

      vielen Dank für Ihren Kommentar auf diesen 8 Jahre alten Artikel. Gern antworte ich Ihnen darauf.

      1. Gefahr für den Menschen
      Wölfe sind große Beutegreifer, aber sie sind keine relevante Gefahr für den Menschen in Mitteleuropa. Das ist kein „Einreden“, sondern das Ergebnis internationaler Auswertungen von mehreren Jahrhunderten. In Europa gab es in den letzten rund 70 Jahren – trotz wachsender Wolfspopulationen – keinen einzigen tödlichen Angriff eines gesunden, wildlebenden Wolfs auf Menschen. Die oft zitierten historischen Fälle stammen überwiegend aus Zeiten ohne Tollwutkontrolle, ohne Abfallmanagement, ohne Waffenregulierung und mit stark veränderter Landnutzung. Moderne Wolfsforschung trennt diese Kontexte sehr klar von der heutigen Situation. Auch die vielzitierte NINA-Studie (Norwegian Institute for Nature Research) sagt nicht, dass Wölfe heute eine reale Gefahr darstellen, sondern dass Angst ein soziales und kulturelles Phänomen ist, das historisch erklärbar ist – nicht biologisch zwingend. Angst ist menschlich, aber sie ist kein Maßstab für objektives Risiko. Zum Vergleich: In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 6 Menschen durch Hundebisse – durch Wölfe seit ihrer Rückkehr: null.

      2. Zäune und „Schäden für die Umwelt“
      Herdenschutzzäune sind kein Wolfs-spezifisches Problem. Sie werden seit Jahrzehnten gegen Wildschweine, Rotwild oder in der Weidewirtschaft eingesetzt. Wissenschaftlich belegte Fakten: Korrekt installierte Elektrozäune sind in der Regel für Wildtiere nicht tödlich, sondern abschreckend. Sie reduzieren Risse signifikant. Sie sind zeitlich und räumlich begrenzt und kein flächendeckendes Hindernis. Die größte Fragmentierung von Lebensräumen entsteht durch Straßen, Siedlungen und intensive Landwirtschaft – nicht durch temporären Herdenschutz.

      3. „Der Wolf reguliert nicht, er frisst alles leer“
      Das widerspricht sämtlichen ökologischen Erkenntnissen. Wölfe regulieren Beutepopulationen nicht durch Ausrottung, sondern durch:
      Entnahme schwacher, kranker oder junger Tiere sowie Verhaltensänderungen bei Beutetieren (weniger Übernutzung sensibler Flächen). Wölfe sind territorial. Wenn Beute knapp wird, sinkt ihre Reproduktionsrate oder sie wandern ab. Ein „Leerfressen“ ganzer Regionen ist ökologisch nicht möglich und historisch nie belegt worden. Die Behauptung, Rewilding-Projekte würden gezielt Rehwild „nachzüchten“, um Wölfe zu versorgen, ist falsch. Rewilding arbeitet mit natürlichen Prozessen, nicht mit künstlichem Nachschub für Beutegreifer.

      4. Hybride
      Wolf-Hund-Hybride sind in Deutschland selten und werden gemäß Managementplänen entnommen. Die genetische Reinheit der Population wird regelmäßig überwacht. Die Vorstellung einer „unkontrollierten Hybridisierung“ widerspricht den Daten der genetischen Monitoringprogramme. Genetische Untersuchungen zeigen, dass der Anteil von Hundegenen in der Gesamt-Wolfspopulation in Deutschland unter etwa 1 % liegt.

      5. „Keine funktionierende Koexistenz“
      Diese Aussage ist nachweislich falsch. Koexistenz existiert heute u. a. in: Spanien, Italien, Rumänien, Polen, Skandinavien. Dort leben seit Jahrzehnten Menschen, Weidetiere und Wölfe nebeneinander – mit Konflikten, ja, aber ohne dauerhafte Eskalation oder Gefahr für die Bevölkerung. Koexistenz bedeutet nicht Konfliktfreiheit, sondern Management auf Basis von Wissenschaft.

      6. Umfragen und Mehrheiten
      Angst-Umfragen messen Gefühle, keine Fakten. Wissenschaft und Naturschutz orientieren sich nicht an Mehrheitsmeinungen, sondern an Daten.

      Fazit:
      Wölfe sind keine Kuscheltiere, Angrgiffe können nie zu 100 % ausgeschlossen werden. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt jedoch eindeutig: Wölfe sind (derzeit) kein relevantes Sicherheitsrisiko für Menschen, sie erfüllen eine ökologische Funktion, Konflikte sind lösbar. Angst ist erklärbar – aber kein Argument gegen Artenschutz. Wer Naturschutz ernst nimmt, sollte zwischen berechtigtem Management und unbegründeter Panik unterscheiden. Genau das ist die Grundlage eines verantwortungsvollen Umgangs mit dem Wolf – und nicht dessen Dämonisierung.

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