Wer im Sommer aufmerksam über Wiesen und Weiden und durch heimische Wälder streift, wird bemerken, dass dort unzählige Wildblumen sprießen. In allen erdenklichen Farben, vielen verschiedenen Formen und mit teils intensiven Düften beeindrucken sie Menschen und Tiere.

Viele Wildblumen sind giftig, als Medizin angewandt jedoch heilsam. Andere kann man bedenkenlos pflücken und essen und wieder andere sind besonders reich an Nektar und deshalb bei Bienen und Schmetterlingen beliebt. Wir erkunden die wilde Sommerwiese und nehmen neun Wildblumen unter die Lupe. 

Das Gänseblümchen
Bellas perennis

© PYRAMIS

Gänseblümchen kennt wohl jedes Kind. Sie blühen das ganze Jahr über und zählen zu den Frühlingsboten, die besonders im April und Mai auf Wiesen und Grünflächen vorkommen. Abends schließen diese Wildblumen ihre weiße Blüte, um sie morgens wieder zu öffnen – es geht sozusagen schlafen. Besondere Aufmerksamkeit schenken Verliebte dem Gänseblümchen. Es soll als Liebes-Orakel verraten, ob der Auserwählte romantische Gefühle für einen hegt. Hierfür werden die feinen Blütenblätter – eines nach dem anderen – heraus gezupft: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich…“, bis keines mehr übrig bleibt. Aus Gänseblümchen kann man auch ganz wunderbar Kränze, Ketten und Armbänder binden, die jedes Sommeroutfit verschönern. Und nicht nur das: Auch in Salaten, Suppen oder auf Desserts sehen die kleinen Blütenköpfe dekorativ aus – roh oder mit Olivenöl in der Pfanne angeschwenkt. Die Blütenknospen kann man wie Kapern einlegen. Das Gänseblümchen ist reich an Vitamin C und A, Kalium, Calcium, Magnesium und Eisen und soll entzündungshemmend wirken. 

 

Die Ringelblume
Calendula officinalis 

Die Ringelblume kommt verwildert in ganz Europa vor und wächst besonders gerne auf nährstoffreichen Lockerböden. Ihren lustigen Namen verdankt sie vermutlich den eingerollten, gebogenen Samen, die nach der Blütezeit entstehen. Früher galt die Ringelblume als Wetter-Orakel. Ähnlich wie das Gänseblümchen, schließt die Ringelblume mit Sonnenuntergang ihre Blüte und öffnet sie mit Sonnenaufgang wieder. Droht Regen, bleibt sie geschlossen.
Seit dem Mittelalter ist die Ringelblume au
ßerdem als Heilpflanze bekannt. In der Naturheilkunde kommen die Wildblumen vor allem in Form von Salben zum Einsatz. Dünn aufgetragen soll Ringelblumensalbe desinfizierend und entzündungshemmend wirken und die Wundheilung unterstützen. Sie kommt etwa bei Schürfwunden, Blutergüssen und Sonnenbränden zum Einsatz. In der Küche wird die hübsche Ringelblume vor allem dekorativ eingesetzt und zum Färben – etwa von Ostereiern genutzt. Bei uns zulande blüht die einjährige Pflanze von Juni bis Oktober. Sie ist ungiftig und fällt durch ihre orangene Signalfarbe und ihre großen Blütenköpfe auf.   

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Die Wiesen-Flockenblume

Centaurea jacea 

Die Wiesen-Flockenblume ist in ganz Europa auf Weiden und Wiesen verbreitet und blüht von Juni bis Oktober. Besonders gerne wächst sie auf lehmigen Böden und an trockenen, sonnigen Standorten. Ihre etwa zwei bis vier Zentimeter großen, violetten Blütenköpfe sind besonders reich an Nektar und deshalb bei Bienen, Hummeln und Schmetterlingen sehr beliebt. Die Wiesen-Flockenblume gehört zur Familie der Kornblütler und wird zum Binden von Wildblumen Sträußen und zum Färben von Naturfasern verwendet. Obwohl ihre Blüten violett leuchten, ist das Farbergebnis Gelb. Ihre Blätter kommen als Zutat in vielen Smoothie-Rezepten vor. Früher wurden ihre Blätter als Hopfenersatz zum Bierbrauen verwendet. Die Blüten schmecken nach nichts, sind aber eine schöne essbare Dekoration von Gerichten wie Salaten, Suppen, Quiche oder Pizza. In der Naturheilkunde wird die Wiesen-Flockenblume in Form von Tee empfohlen, der die Gallenfunktion anregen und Husten lindern soll. Auch bei Menstruationsproblemen kann dieser Tee helfen. Die Bitterstoffe der Wurzeln sollen die Verdauung fördern und Fieber senken. 

Der Löwenzahn
Taraxacum officinale

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Löwenzahn ist auf unseren heimischen Wiesen weit verbreitet und wird von vielen als lästiges Unkraut verteufelt. Dabei ist Löwenzahn ein wahres Wunderkraut – nicht nur, weil er sich auf wundersame Weise in eine Pusteblume verwandelt und seine kleinen Samenschirmchen auf Reisen schickt. Auch als Nahrungs- und Heilpflanze hat sich der Löwenzahn seit Jahrhunderten bewährt. Löwenzahn enthält Bitterstoffe und weist einen hohen Kaliumgehalt auf. Die Blüte, die Blätter und Wurzel können in verschiedenen Formen gegessen werden: Als Salat soll Löwenzahn die Verdauung anregen, als Sirup Husten lindern. Die jungen Blätter des Löwenzahns sind außerdem eine beliebte Zutat in grünen Smoothies. Auch die fleischige, im Herbst besonders inulinreiche Wurzel kann zerkleinert mit in den Mixer gegeben werden. Wer gerne Kräuterkaffee trinkt, kann diesen ebenfalls aus der Löwenzahnwurzel gewinnen. Hierfür wird die Wurzel gewürfelt und getrocknet, geröstet und schließlich in einer Kaffeemühle gemahlen und aufgebrüht. Weil dieses Getränk bitter schmeckt, empfiehlt es sich, Milch, Zimt und Honig dazuzugeben. 

 

Das Maiglöckchen
Convallaria majalis 

Das Maiglöckchen regt mit seinen kleinen weißen Blütenkelchen die Fantasie an. Wie kleine Hütchen von Blumenkindern sehen sie aus. Man muss nicht nah an diese bezaubernde Pflanze herantreten, um den intensiven Duft wahrzunehmen. Davon angezogen finden sich viele Insekten auf den Blüten wieder. Die Blütezeit ist im Mai und Juni, danach entwickelt das Maiglöckchen Früchte. Die kleinen roten Beeren sind im Hochsommer zu sehen und – wie alle Teile der Pflanze – stark giftig. Auch getrocknet Maiglöckchen und selbst das Blumenwasser von geschnittenen Maiglöckchen sind giftig. Besondere Vorsicht ist beim Sammeln von Bärlauch geboten, der den Blättern des Maiglöckchens zum Verwechseln ähnlich sieht und zudem in vergleichbaren Biotopen wächst. Zu unterscheiden sind die Blätter am typischen Bärlauch-Geruch. Eine Maiglöckchen Vergiftung ist ernst und kann lebensbedrohlich sein. Richtig angewandt, kann das Maiglöckchen, wie viele Giftpflanzen, jedoch eine heilende Wirkung haben. In der Naturheilkunde werden Maiglöckchen-Tinkturen etwa gegen Herzbeschwerden eingesetzt. 


Das Sch
öllkraut
Chelidonium majus

Schöllkraut ist mehrjährig, stammt aus der Familie der Mohngewächse und ist auf wilden Wiesen ebenso zu finden, wie an Wegrändern, Ufern und sogar in der Stadt. Die stickstoffliebende Pflanze wächst dort meist unauffällig in Häusernähe, an Mauern und wird nicht selten für unnützes Unkraut gehalten. Dabei wird dem Schöllkraut, das in die Kategorie der Giftpflanzen fällt und nie in großen Mengen verschluckt werden sollte, eine heilende Wirkung nachgesagt. Aus diesem Grund trägt das Schöllkraut volkstümliche Namen, wie Marienkraut oder Gottesgabe.
Als Tinktur (Tropfen) wird es in Apotheken und im Handel f
ür Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene gegen Magen-Darm-Beschwerden angeboten. Außerdem hat sich das Schöllkraut in Form von Salben als wirksam gegen Warzen an Händen und Füßen bewiesen. Auch in der Behandlung anderer Hautkrankheiten, wie Akne, Exzemen, Hühneraugen und Schuppenflechte kommen Schallkraut-Extrakte zum Einsatz. Das Schöllkraut wächst bis zu 70 Zentimeter hoch und steht vor allem in den Monaten von Mai bis Oktober in gelber Blüte.   

Das Kleines Immergrün
Vinca minor

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Das kleine Immergrün wird auch kleines Singrün genannt und blüht violett, hell-dunkelblau oder weiß. Besonders beliebt ist die Wildblumen Pflanze unter Gärtnern als sogenannter Bodendecker für schattige und halbschattige Standorte. In der heimischen Natur breitet sich das kleine Immergrün als farbenfroher Blütenteppich vermehrt in artenreichen Laub- und Buchen-Mischwäldern aus. In den Allgäuer Alpen steigt das kleine Immergrün bis zu einer Höhenlage von 1100 Metern auf. So niedlich die etwa zehn bis 15 Zentimeter hohe Pflanze auch aussieht, sie ist in allen Teilen giftig. Das kleine Immergrün enthält mehr als 40 verschiedene Alkaloide und darf nicht verschluckt werden. Die heilende Wirkung des kleinen Immergrüns ist umstritten. Im Jahr 1986 hat das Bundesgesundheitsamt die Zulassung für immergrünhaltige Arzneimittel, die bis dahin auf Rezept erhältlich waren, widerrufen. Homöopathische Präparate, die aus dem kleinen Immergrün gewonnen werden, sind von dem Widerruf bis heute nicht betroffen und werden etwa bei Durchblutungsstörungen eingesetzt.  

Die Schwertlilie
Iris 

Die Schwertlilie ist nicht zu übersehen. Mit ihrem bis zu einem Meter hohen Stängel überragt sie die meisten anderen Wildblumen. Oben auf dem Stängel thronen im Frühsommer ein bis drei majestätische Blütenkelche, die blauviolett oder gelb gefärbt sind. In Deutschland gilt die Schwertlilie als stark gefährdet und vielerorts bereits als ausgerottet. Die Schwertlilie bevorzugt wechselnasse und periodisch überschwemmte Böden und ist deshalb vor allem in Ufernähe – etwa am Bodensee und Oberrhein zu finden. Durch die Entwässerung von Wiesen und Mooren durch Menschenhand, wird der Schwertlilie der Lebensraum genommen.
Ihr wissenschaftlicher Namen ist auf die Regenbogeng
öttin Iris zurückzuführen. Als Heilpflanze war die Schwertlilie bereits in der römischen und griechischen Antike bekannt. Sie wurde in Form von Ölen und Salben etwa gegen Husten und Durchfall sowie zur Empfängnisverhütung verwendet. Heute sind Schwertlilienextrakte als Brech- und Abführmittel bekannt und kommen in Zahnpflegemitteln, Parfüms, Likören und Tabakmischungen vor. 

Veilchen
Viola 

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 Das Veilchen stand im antiken Athen für Weiblichkeit, Ausdauer und Bescheidenheit, weshalb man dort traditionell Frauengräber mit den zarten Wildblumen geschmückt hat. Hierzulande hat das Veilchen mit seinem lieblichen Duft zahlreiche Dichter betört und zu ihren Werken inspiriert. Von Johann Wolfgang von Goethe über Förster Friedrich, bis hin zu Hoffmann von Fallersleben haben dem Veilchen viele große Poeten eigene Gedichte gewidmet.
Auch seine heilende Wirkung war schon fr
üh bekannt. So hat Pfarrer Kneipp über das Veilchen gesagt: Dieses, liebliche, wohlduftende Frühlingsblümchen soll mit seinem Heildufte auch unsere Hausapotheke erfüllen. Die heilende Wirkung von Veilchen soll sich in verschiedenen Bereichen entfalten – etwa gegen Halsentzündungen und Kopfschmerzen helfen, beruhigen und den Schlaf fördern, das Immunsystem stärken und vor Erkältungen schützen. Getrocknet und als Tee aufgebrüht, zu Konfitüren gekocht, kandiert oder roh – das Veilchen kann auf die unterschiedlichsten Weisen zubereitet werden. 

Für kleine Naturforscher

Dieser handliche Naturführer eignet sich zur Bestimmung der heimischen Wildblumen. Praktische Hintergrundinformationen erleichtern das Erkennen der einzelnen Arten. 

Naturforscher Blumen, von Anita van Saal
Erschienen bei Ars Edition, ab 8 Jahre
ISBN: 978-3-8458-1857-3