Waldbaden
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Waldbaden: Lass dich fallen und tauch ein

Waldbaden ist gerade voll im Trend. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine neumodische Erfindung, sondern um eine uralte japanische Tradition, die in der japanischen Medizin sogar als anerkannte Therapie gilt…

In der japanischen Medizin ist Shinrin Yoku, was auf Deutsch übersetzt so viel wie Waldbaden bedeutet, eine anerkannte Maßnahme zur Prävention und begleitenden Therapie verschiedener Erkrankungen. Sowohl psychische, als auch physische Leiden können mit regelmäßigen und bewussten Aufenthalten im Wald vermieden oder gelindert werden. Dazu gehören beispielsweise Burnout, depressive Verstimmungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Diabetes Typ 2.

Auch hierzulande wächst das Interesse an Waldmedizin

Dass Waldmedizin wirksam ist, erkennen auch immer mehr Expert:innen der westlichen Welt an. Zwar kann man diese Fachrichtung an deutschen Fakultäten – anders als in Japan – aktuell noch nicht studieren, doch in Frage gestellt werden die Ergebnisse zahlreicher Forschungsarbeiten zu diesem Thema nur noch selten. Es ist belegt, dass die Duftstoffe, welche Bäume absondern um untereinander zu kommunizieren, dem menschlichen Organismus guttun. Diese sogenannten Terpene können über die Haut und Atemluft aufgenommen werden. 

Wirksamkeit messbar

Bei einem Aufenthalt im Wald nimmt die Konzentration von Stresshormonen im Blut ab, steigt gleichzeitig die Konzentration von Glückshormonen, senken sich Pulsschlag und Blutdruck. Fernab der Zivilisation werden zudem die Sinne geschult und wir können alles noch intensiver wahrnehmen: Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Empfindungen. Deshalb empfiehlt es sich, ein bewusstes Waldbad mindestens 400 Meter von der nächsten befahrenen Straße zu nehmen. Hier wird man selten von anderen Menschen oder unnatürlichen Geräuschen abgelenkt. 

Krafttanken als Mama oder Papa

Shinrin Yoku kann man wunderbar alleine machen – in der so wichtigen Me-Time, in der die Akkus für den oft anstrengenden Familienalltag wieder aufgeladen werden. Diese Art der Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern wichtig. Kein Elternteil sollte ein schlechtes Gewissen haben, wenn das Kind in guten Händen ist und man sich Zeit für sich nimmt. 

Waldbaden mit Kind

Doch auch mit Kind kann man zum Waldbaden gehen. Unterschiedliche Studien haben gezeigt, dass davon auch Kinder profitieren können, die für gewöhnlich eher unruhig bis verhaltensauffällig sind und von denen man zunächst nicht annimmt, dass sie sich auf solch achtsame Übungen einlassen können. Kinder mit ADHS oder Asperger Autismus beispielsweise sind in der modernen Welt zu vielen Reizen ausgesetzt und können diese nicht filtern und ausblenden. Im Wald können sie zur Ruhe kommen und entspannen, sich bewusster auf spezielle Übungen konzentrieren und dadurch ihren Therapieerfolg verbessern. 

Je nach Alter, Entwicklungsstand und Temperament des Kindes bieten sich unterschiedliche Übungen an. Wer zum Waldbaden gehen will, sollte viel Zeit und keine weiteren Termine an diesem Tag einplanen. Ausreichend Proviant für gemütliche Pausen sollten im Rucksack und die Kleidung dem Wetter entsprechend gewählt sein. Grundsätzlich kann man zu jeder Jahreszeit im Wald baden, wobei es sich vor allem dann besonders anbietet, wenn die Bäume in saftigem Grün stehen. Dann sondern sie besonders viele Terpene ab. Die grüne Farbe der Umgebung wirkt weiterhin beruhigend und fördert Konzentration und Kreativität. 

Waldbaden lernen

Für ein Waldbad braucht man kein Zubehör und auch nicht zwingend eine strenge Anleitung oder gar eine:n Expert:in an der Seite. Für den Beginn kann Literatur zu diesem Thema oder der Besuch eines Kurses jedoch hilfreich sein. Vielerorts gibt es ausgebildete „Waldbademeister:innen“, die – meist in Gruppen – verschiedene Übungen aufzeigen. Das können bewusste Atem-, Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen sein. Beim Waldbaden geht es keineswegs darum, von A nach B zu kommen. Auch der Abenteuergedanke oder das Vermitteln von Naturwissen stehen nicht im Vordergrund. Stattdessen taucht man bewusst in den Wald als Ruheoase ein. Vom gewöhnlichen Spaziergang unterscheid sich das Waldbad in vielen Punkten. Man geht langsamer, bewusster, hält zwischendurch Inne, nimmt bewusst wahr. Es geht beim Waldbad nicht um Tun, sondern um Sein. 

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.