Egal, wie alt dein Kind ist – wenn es weint, dann tröste es. Lass dich nicht durch veraltete Erziehungsmärchen verunsichern und vertraue stattdessen auf dein Bauchgefühl und deinen natürlichen Mutterinstinkt. Der Appell einer vierfachen Mutter …

Es ist ein sensibles Thema, das eigene Kindheitserinnerungen erwecken kann. Vielleicht reagieren deshalb viele Menschen emotional oder blocken ab, wenn man mit ihnen darüber reden möchte. Das Thema Trösten. Dass ein Kind hin und wieder weint, ist unvermeidbar. Gründe dafür gibt es viele. Und es ist in Ordnung. Es geht nicht darum, ein Kind ganz und gar vor negativen Gefühlen zu bewahren – denn auch diese gehören zum Leben und sind für die kindliche Entwicklung sogar wichtig. (Siehe zu diesem Thema auch “Wie man Resilienz bei Kindern fördert”.) Es darf traurig sein oder wütend, es darf enttäuscht sein, unsicher oder mit einer Situation überfordert und es darf weinen. Natürlich darf es auch vor Schmerzen weinen. Natürlich? Für viele Menschen ist es das nicht. Das Thema Weinen ist ebenso umstritten, wie das damit verbundene Thema Trösten – in jedem Alter. Frisch gebackenen Eltern wird geraten, ihren Säugling weinen zu lassen, damit er möglichst früh lernt, sich selbst zu beruhigen. Die Krokodilstränen ihres Kleinkindes sollen Eltern ignorieren, um sich davon nicht manipulieren zu lassen. Im Grundschulalter haben Kinder einfach nicht mehr zu weinen – Eltern, die darauf eingehen, ziehen ein Weichei groß. Teenager weinen, weil ihre Hormone durchdrehen – über diese Hysterie darf man lachen, ernst nehmen muss man sie nicht. Dass auch Erwachsene mit ihren Tränen alleine gelassen werden, sich vielleicht sogar für sie schämen und deshalb versuchen, sie zu unterdrücken oder allenfalls heimlich zulassen, ist in unserer Gesellschaft mehr Regel als Ausnahme. Dabei würde auch ihnen Trost guttun.

Deshalb appelliere ich heute an dich: Egal, wie alt dein Kind ist – wenn es weint, dann tröste es. Lass dich nicht durch veraltete Erziehungsmärchen verunsichern und vertraue stattdessen auf dein Bauchgefühl und deinen natürlichen Mutterinstinkt.

Warum weinen Menschen eigentlich?

Wie viele unserer körperlichen Reaktionen, hat auch das Weinen einen evolutionären Sinn. Gesteuert werden unsere Tränen unter anderem von Hormonen, sie werden aber mitunter auch vom zentralen Nervensystem gesteuert. Der klinische Psychologe Ad Vingerhoets von der niederländischen Universität Tilburg erforscht das Thema Weinen seit mehr als zwanzig Jahren. Er beschreibt Tränen als ein Signal der Kommunikation. Tränen sind eine Ausdrucksform, mit der Menschen ihre Emotionen zeigen können. Tränen sollen im Gegenüber Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auslösen. Unsere Ahnen, die in vielen Lebenssituationen auf die Hilfe ihrer Gruppe angewiesen waren, um eine Herausforderung meistern oder gar überleben zu können, konnten ihre Hilflosigkeit mit Tränen wortlos zum Ausdruck bringen. Tränen sind also – damals wie heute – in vielen Situationen ein Hilferuf.

Schwäche ist etwas Negatives!?

In unserer Gesellschaft ist Hilflosigkeit oder anders benannt Schwäche jedoch negativ behaftet. Menschen sollen stark sein, Leistungen erbringen und möglichst alleine zurechtkommen können. Weil Tränen instinktiv als Zeichen von Schwäche wahrgenommen werden, reagieren darauf viele Menschen heutzutage mit einer abwertenden Haltung. Nicht selten müssen sich Eltern von Außenstehenden Sätze wie diese anhören.

“Du musst dein Kind auch mal (alleine) schreien lassen.”
“Kinder müssen lernen, sich selbst zu beruhigen.”
“Schreien ist gut für die Lungen.”
“Du verwöhnst / verziehst dein Kind.”
“Dein Kind manipuliert dich.”
“Kein Wunder, dass dir dein Kind auf der Nase herumtanzt, wenn du immer gleich springst.”
“Dir / euch hat das auch nicht geschadet.”

Die eigenen Werte verteidigen

Solche Aussagen können Eltern verunsichern und dazu führen, dass sie ihrem eigenen Bauchgefühl nicht trauen. Gerade Mütter verspüren instinktiv den Drang, ihr weinendes Kind zu trösten. Egal, wie alt es ist und aus welchem Grund es weint, sie wollen es in den Arm nehmen und ihm gut zureden. Die Angst, damit etwas falsch zu machen ist nicht natürlich, sondern angeeignet oder anerzogen. Sich das klarzumachen ist ein erster wichtiger Schritt. Gerät man jedoch ungewollt in die Situation, seine eigenen Werte oder Erziehungsmethoden verteidigen zu müssen, etwa vor dem Partner oder anderen nahestehenden Angehörigen, kann es hilfreich sein, Fakten benennen und das eigene Verhalten rational erklären zu können. Heute gibt es zahlreiche Studien, die belegen, wie wichtig es ist, ein Kind zu trösten und wertvolle Literatur zu diesem Thema (etwa von den Autorinnen Nora Imlau, Susanne Mierau oder Nicola Schmidt). Ob man mit Fremden oder entfernten Bekannten in die Diskussion gehen und Energie aufbringen möchte, um sie aufzuklären, muss man für sich selber abwägen.

Sätze, die ein weinendes Kind niemals hören sollte

Nicht immer weint ein Kind, weil es traurig ist oder Schmerzen hat. Auch beispielsweise allgemeines Unwohlsein, Müdigkeit, Überforderung, Enttäuschung, Wut oder Verzweiflung können die Tränen fließen lassen. Der Grund ist manchmal nicht offensichtlich oder aus Sicht eines Erwachsenen nicht nachvollziehbar. In dieser Situation reagieren manche Eltern genervt. Gerade wenn sie ihr Kind zuvor ermahnt oder ihm einen Wunsch abgeschlagen haben, fällt es ihnen schwer, den “Schalter” nun umzuklappen. Waren sie gerade noch in einer Anti-Haltung dem Kind gegenüber, sollen sie es nun aktiv in den Arm nehmen? Ja! Auch wenn wir Erwachsenen den Grund nicht sofort erkennen oder für nichtig halten –  die Gefühle eines Kindes ernstzunehmen und ihm zu helfen, diese zu regulieren, ist immer wichtig. Manchmal neigen Eltern in einer solchen Belastungssituation dazu, Sätze auszusprechen, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen. (Achtung, folgende Sätze können triggern.)

“Stell dich nicht so an.”
“War gar nicht schlimm.”
“Das war nur der Schreck.”
“Das ist doch kein Grund zu weinen / heulen.”
“Ich gebe dir gleich einen Grund zu weinen / heulen!” (Androhung von Gewalt.)
“Ohhh, da musst du gleich weinen.” (Ironisch betont – über das Weinen lustig machen.)
“Sei jetzt ruhig, du nervst.” / “Hör endlich auf!”
“Verschwinde und komm erst wieder, wenn du dich beruhigt hast.”
“Wenn du jetzt nicht aufhörst zu heulen, dann …” (Androhung einer Konsequenz)
“Du müsstest dich mal im Spiegel sehen!” (In der digitalisierten Welt auch gerne: “Soll ich dich mal fotografieren / filmen, damit du siehst, wie albern das aussieht?”)

Bei Jungen wird zudem oft die Männlichkeit in Frage gestellt, wenn sie weinen:

“Ein Indianer kennt keinen Schmerz!”
“Bist du ein Mann oder eine Maus?”
“Du klingst ja wie ein Mädchen!”
“Mimimi.”

Liebe Mama, lieber Papa – bitte sag diese Sätze niemals zu deinem Kind. Versetze dich in dein Kind und spüre in dich hinein. Was würde es mit dir machen, so etwas zu hören (oder wie hast du dich als Kind gefühlt, wenn du so etwas hören musstest)?

Hilfe suchen und annehmen

Du weißt nicht, wie du dich richtig verhalten sollst, wie du dein Kind liebevoll beruhigen kannst oder bestimmte Konfliktsituationen künftig vermeiden kannst? Das ist nicht schlimm! Es gibt für alle Eltern in jeder Region kostenfreie Beratungsangebote – für Eltern von Babys etwa eine Schreiambulanz, für Eltern größerer Kinder eine Erziehungsberatungsstelle (beispielsweise von der Caritas, pro familia oder der Diakonie). Diese anzunehmen ist kein Beweis dafür, dass man als Eltern versagt, ganz im Gegenteil! Du traust dich nicht, eine Beratungsstelle vor Ort aufzusuchen oder hast im Alltag nicht die Möglichkeit dazu? Dann kannst du auch anonym bei einer telefonischen Beratung  anrufen. Zum Beispiel bei der kostenfreien “Nummer gegen Kummer” (dem Elterntelefon): 0800-1110550.