Egal, wie alt dein Kind ist – wenn es weint, dann tröste es. Lass dich nicht durch veraltete Erziehungsmärchen verunsichern und vertraue stattdessen auf dein Bauchgefühl und deinen natürlichen Mutterinstinkt!

Eltern müssen sich von Außenstehenden häufig ungefragt Ratschläge und Erfahrungsberichte anhören. Nicht selten beziehen sich diese auf das Thema “verwöhnen” im Allgemeinen und “schreien / weinen lassen” im Speziellen. Gerade die Generation unserer eigenen Eltern oder Großeltern ist der Auffassung, dass man Kinder regelmäßig schreien lassen sollte, um sie nicht zu verwöhnen oder gar zu verziehen. Leider teilen auch viele (unerfahrene) Väter diese Ansicht, was nicht selten zu Spannungen innerhalb der Beziehung führt und als Folge dessen dazu, dass sich die Mutter alleine um das Trösten des Kindes kümmern muss.

Sätze, die in diesem Zusammenhang oft fallen:

“Du musst dein Kind auch mal (alleine) schreien lassen.”
“Kinder müssen lernen, sich selbst zu beruhigen.”
“Schreien ist gut für die Lungen.”
“Du verwöhnst / verziehst dein Kind.”
“Dein Kind manipuliert dich.”
“Kein Wunder, dass dir dein Kind auf der Nase herumtanzt, wenn du immer gleich springst.”
“Dir / euch hat das auch nicht geschadet.”

Die eigenen Werte verteidigen

Solche Aussagen können Eltern verunsichern und dazu führen, dass sie ihrem eigenen Bauchgefühl nicht trauen. Gerade Mütter verspüren instinktiv den Drang, ihr weinendes Kind zu trösten. Egal, wie alt es ist und aus welchem Grund es weint, sie wollen es in den Arm nehmen und ihm gut zureden. Die Angst, damit etwas falsch zu machen ist nicht natürlich, sondern angeeignet. Sich das klarzumachen ist ein erster wichtiger Schritt. Gerät man jedoch ungewollt in die Situation, seine eigenen Werte oder Erziehungsmethoden verteidigen zu müssen, etwa vor dem Partner oder anderen nahestehenden Angehörigen, kann es hilfreich sein, Fakten benennen und das eigene Verhalten rational erklären zu können. Heute gibt es zahlreiche Studien, die belegen, wie wichtig es ist, ein Kind zu trösten und wertvolle Literatur zu diesem Thema (etwa von den Autorinnen Nora Imlau, Susanne Mierau oder Nicola Schmidt). Ob man mit Fremden oder entfernten Bekannten in die Diskussion gehen und Energie aufbringen möchte, um sie aufzuklären, muss man für sich selber abwägen.

Sätze, die ein weinendes Kind niemals hören sollte

Nicht immer weint ein Kind, weil es traurig ist oder Schmerzen hat. Auch beispielsweise allgemeines Unwohlsein, Müdigkeit, Überforderung, Enttäuschung, Wut oder Verzweiflung können die Tränen fließen lassen. Der Grund ist manchmal nicht offensichtlich oder aus Sicht eines Erwachsenen nicht nachvollziehbar. In dieser Situation reagieren manche Eltern genervt. Gerade wenn sie ihr Kind zuvor ermahnt oder ihm einen Wunsch abgeschlagen haben, fällt es ihnen schwer, den “Schalter” nun umzuklappen. Waren sie gerade noch in einer Anti-Haltung dem Kind gegenüber, sollen sie es nun aktiv in den Arm nehmen? Ja! Auch wenn wir Erwachsenen den Grund nicht sofort erkennen oder für nichtig halten, die Gefühle eines Kindes ernstzunehmen und ihm zu helfen, diese zu regulieren, ist immer wichtig. Manchmal neigen Eltern in einer solchen Belastungssituation dazu, Sätze auszusprechen, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen. (Achtung, folgende Sätze können triggern.)

“Stell dich nicht so an.”
“War gar nicht schlimm.”
“Das war nur der Schreck.”
“Das ist doch kein Grund zu heulen.”
“Ich gebe dir gleich einen Grund zum Weinen!” (Androhung von Gewalt.)
“Ohhh, da musst du gleich weinen.” (Ironisch betont – über das Weinen lustig machen.)
“Sei jetzt ruhig, du nervst.” / “Hör endlich auf!”
“Verschwinde und komm wieder, wenn du dich beruhigt hast.”
“Wenn du jetzt nicht aufhörst zu heulen, dann …” (Androhung einer Konsequenz)
“Du müsstest dich mal im Spiegel sehen!” (In der digitalisierten Welt auch gerne: “Soll ich dich mal filmen?”)

Bei Jungen wird zudem oft die Männlichkeit in Frage gestellt, wenn sie weinen:

“Ein Indianer kennt keinen Schmerz!”
“Bist du ein Mann oder eine Maus?”
“Du klingst ja wie ein Mädchen!”
“Mimimi.”

Liebe Mama, lieber Papa – bitte sag diese Sätze niemals zu deinem Kind. Versetze dich in dein Kind und spüre in dich hinein. Was würde es mit dir machen, so etwas zu hören (oder wie hast du dich als Kind gefühlt, wenn du so etwas hören musstest)?

Hilfe suchen und annehmen

Du weißt nicht, wie du dich richtig verhalten sollst, wie du dein Kind liebevoll beruhigen kannst oder bestimmte Konfliktsituationen künftig vermeiden kannst? Das ist nicht schlimm! Es gibt für alle Eltern in jeder Region kostenfreie Beratungsangebote – für Eltern von Babys etwa eine Schreiambulanz, für Eltern größerer Kinder eine Erziehungsberatungsstelle (beispielsweise von der Caritas, pro familia oder der Diakonie). Diese anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche oder gar ein Beweis dafür, dass man als Eltern versagt. Du traust dich nicht, eine Beratungsstelle vor Ort aufzusuchen? Dann kannst du auch anonym bei einer telefonischen Beratung  anrufen. Zum Beispiel bei der kostenfreien “Nummer gegen Kummer” (dem Elterntelefon): 0800-1110550.