Wie stärkt man Kinder von Anfang an, sodass sie im späteren Leben bewegte Zeiten gut überstehen? Die Autorinnen Isabell Prophet und Rebecca Schwab haben ihre Gedanken und Erfahrungen als Mütter dazu niedergeschrieben…

Wir stehen das durch, das muss die Devise sein. Hinter uns liegen Monate der Ungewissheit und Angst, des Verzichts und Verlusts. Die Corona-Pandemie hat das Familienleben schwieriger gemacht, anstrengender, manchmal aber auch: näher. Überstanden ist sie nicht, vielen Familien steht ein Winter zwischen Homeoffice, Kita-Schließungen und Krankenlager bevor. Doch auch in Zeiten wie diesen gibt es Menschen, die besonders widerstandsfähig sind, sich nicht unterkriegen lassen und zuversichtlich nach vorn blicken. Resilienz wird diese geheimnisvolle Kraft genannt, der die Forschung seit einem halben Jahrhundert auf der Spur ist…

Kleine Anekdote von Isabell

Wir hörten es knirschen. Es war dieses sehr spezielle Geräusch von Kleinkind-Haut auf sandigen Steinen. Julias Tochter Kira, gerade anderthalb Jahre alt, war aus der Sandkiste geklettert, über ihr Beinchen gestolpert und mit dem Gesicht über den gepflasterten Weg geschrabt. Wir anderen – zwei Mütter, ein Vater und noch zwei Kleinkinder – standen für einen Wimpernschlag regungslos daneben, zu geschockt, um zu reagieren. Dann hob Julia Kira auf, drehte sich weg und ging ein paar Schritte, während sie mitfühlend auf Kira einredete: „Ja, das tut weh, ich weiß.“ Julia, die schwache Julia, die so oft so erschöpft gewirkt hatte, der so viel Mist im Leben passiert war. Ausgerechnet die war nun eine Mutter, die cool blieb und ihre Tochter hielt, als die sie brauchte.
Kira schluchzte und wand sich, Julia stellte sie schließlich auf die Füße und streichelte sie, ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft nahm das kleine Mädchen in den Arm. Und Kira? Die lachte auf, schob alle Hände zur Seite und lief zu ihrem Ball. Wir Erwachsenen warfen uns irritierte Blicke zu, Julia hob die Schultern. War dann wohl nicht so schlimm. Später am Abend schickte Julia ein Foto in unsere Chat-Gruppe: Kiras Kinn war schwarz-lilafarben angelaufen.
Was wir an jenem Tag mit Kira erlebten, würde ich heute als frühes Anzeichen für Resilienz bezeichnen. Die kleine Kira ist stark. Sie flüchtet sich in die Arme ihrer Eltern, wenn etwas passiert oder ihr eine Situation unheimlich ist. Und dann fängt sie sich und kehrt zurück in ihr Spiel.
Wer resilient ist, der gilt als widerstandsfähig gegenüber Stress-Faktoren, tritt aus einer Krise gestärkt hervor oder kann sein Leben danach im Normalmodus fortführen. Eine Fähigkeit, die wohl jeder gerne hätte, die als wichtiges Kriterium für Lebensglück und Erfolg gilt und die mitunter Genetikern, Neurowissenschaftlern und Psychologen, Pädagogen, Philosophen und Theologen Rätsel aufgibt. Als Eltern fragen wir uns: Wenn diese Eigenschaft so bedeutsam ist, wie können wir sie fördern?

Beginnt die Entwicklung der Resilienz noch vor der Geburt?

Es gibt verschiedene, teils konträre Ansätze, mit der Wissenschaftler menschliche Resilienz erklären wollen. Zu einem Teil ist diese Eigenschaft angeboren, dafür sprechen Untersuchungen zur vorgeburtlichen Entwicklung. Wie ein Mensch auf die Konfrontation und Stress im späteren Leben reagiert, wird bereits im Mutterleib geprägt. Grämen müssen wir uns deshalb nicht, denn diese Theorie schließt nicht aus, dass der Umgang mit Herausforderungen und Traumata zu einem späteren Zeitpunkt erlernt werden kann. Aber ja: Einigen Menschen fällt das leicht. Andere müssen mehr dafür tun.
Ein Grund dafür könnte die Konzentration des Stresshormons Cortisol während der Schwangerschaft sein. In Maßen ist Cortisol wichtig für die kindliche Gehirnentwicklung, weshalb es regelmäßig über den mütterlichen Blutkreislauf und die Plazenta zum Ungeborenen transportiert wird. Steigt der Cortisolspiegel jedoch drastisch und über einen längeren Zeitraum an, etwa weil die werdende Mutter einer Hungersnot, einem Krieg oder anhaltender häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, einen schweren Schicksalsschlag erleidet oder an einer unbehandelten psychischen Krankheit leidet, kann sich dies negativ auf die psychische Widerstandsfähigkeit des Ungeborenen auswirken.

Es ist nicht irgendwann „zu spät“

Schwangere müssen deshalb nicht jedem Stress aus dem Weg gehen. Im Gegenteil: Erleben Ungeborene den Stress ihrer Mutter und dann die Erholung, lernt das Gehirn auch daraus. Deshalb sind Pausen wertvoll, „Ruhe finden“ hat einen Wert. Wer ein Kind erwartet, lernt noch einmal ganz neu, auf die Signale des Körpers zu hören. Und deshalb müssen Schwangere in harten Zeiten Hilfe bekommen.
Und noch immer bekommen junge Eltern zu wenig Unterstützung. „Mama macht das schon“ scheint die Regel zu sein, auch wenn es bei der jungen Familie gerade hart ist. Doch „Mama macht das schon“ ist falsch. Und riskant. Denn auch Mama braucht Unterstützung, um ihr Kind stärken zu können, ihm Halt, Liebe und Sicherheit zu geben.

Das Zaubermittel: eine liebevolle Bindung

Die Resilienzforschung begann vor mehreren Generationen mit der Langzeitstudie der Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Werner wurde 1929 in Eltville am Rhein geboren. Ihrer Zeit voraus hat die später nach Amerika emigrierte Forscherin damals viel Kritik für ihre Arbeit geerntet. Doch sie behielt recht. Bis heute wird Emmy Werner von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zitiert, wenn es darum geht, Resilienz von Kindern zu fördern.
Gemeinsam mit ihrem Team hat sie 32 Jahre lang knapp 700 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren worden sind, regelmäßig befragt und untersucht. Etwa ein Drittel dieser Kinder wuchs unter schwierigen sozialen Bedingungen auf, erlebte Armut, Gewalt und Vernachlässigung. Auf diese Kinder legt die Studie ihr Hauptaugenmerk. Zwei Drittel dieser potenziell gefährdeten Kinder zeigten eine schwierige Entwicklung: Im Alter von zehn Jahren stellte man bei ihnen Verhaltens- und Lernprobleme fest, noch vor ihrem 18. Geburtstag waren viele psychisch erkrankt oder straffällig geworden. Das andere Drittel der „Risikogruppe“ hingegen, hat im gleichen Zeitraum keinerlei Auffälligkeiten gezeigt, war sozial integriert und erfolgreich in der Schule. Alle Angehörigen dieser kleineren Gruppe entwickelten sich zu selbstbewussten, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen. Werner hat sie als „verletzlich, aber unbesiegbar“ beschrieben und festgestellt, was sie gemeinsam hatten: Jedes dieser Kinder hatte mindestens eine liebevolle Bezugsperson, die Bindung und Struktur geboten hat.
Diese Geschichte erinnert mich sehr an meine Abenteuer mit Julia und Kira. Julia hatte es so schwer gehabt, mit ihren Beziehungen, dann mit ihrer Schwangerschaft und der harten Wochenbett-Zeit. Aber sie hatte auch so stark reagiert und diese Stärke, diese Fähigkeit zur Erholung, zeigt heute auch ihre kleine Tochter. Die mit gerade mal anderthalb Jahren natürlich ein großer kleiner Trotzkopf sein kann. Aber auch ein Kleinkind, dass auf Liebe und Geborgenheit mit Freude und Mut reagiert.

Bindungsorientiert von Anfang an

Sofern ein Kind eine Bezugsperson im Umfeld hat, die ihm auf Augenhöhe und mit Wertschätzung begegnet, ihm Geborgenheit gibt, seine Fähigkeiten anerkennt und fördert, es aber unabhängig von Leistung und Wohlverhalten liebt, entwickelt es die nötige Resilienz, um schwierige Situationen schadenfrei zu bewältigen. Das ist es, was Emmy Werners Forschungen den Fachwelt vorhergesagt haben und was bis heute gilt. Diese Bezugsperson muss nicht zwingend Mutter oder Vater sein, auch ein Verwandter, Nachbar, Erzieher oder Lehrer kann diese Rolle einnehmen und ein Kind fürs Leben stärken.
In der Regel sind es jedoch die Eltern, die Kinder von Anfang an begleiten und sich fragen, ob und wie sie die Resilienz ihrer Kinder im Alltag fördern können. Voraussetzung hierfür ist eine gefestigte Eltern-Kind-Bindung. Diese wächst bereits in den ersten beiden Lebensjahren. In dieser Zeit geht es vor allem darum, die Grundbedürfnisse des Kindes, wie Hunger und Durst oder die Bedürfnisse nach Schlaf, Nähe und Hautkontakt, umgehend zu befriedigen und es vor Gefahren zu schützen. Wer glaubt, die Widerstandsfähigkeit eines Babys oder Kleinkindes zu fördern, indem er Grundbedürfnisse ignoriert und es alleine schreien lässt, irrt. Solche Erziehungsmethoden können genau das Gegenteil erreichen, das Urvertrauen nachhaltig erschüttern, so vermuten Forscher, die Resilienz sogar beeinträchtigen.
Für viele sind dies erschütternde Ergebnisse. Sie beunruhigen, sie deuten an, dass einige Eltern „etwas falsch gemacht haben“. Dass es vielleicht sogar zu spät ist.
Doch so ist es nicht. Das macht die Psychotherapeutin Philippa Perry in ihrem Buch „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen: und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast“ (Ullstein) klar. Es ist nicht zu spät. Wir können jederzeit umkehren, ganz anders weiter machen, den Weg von Liebe, Nähe und Zugewandtheit gehen. Und damit geben wir unseren Kindern das, was sie brauchen, um Mut, Stärke, Widerstandskraft und eine liebevolle Grundhaltung zu entwickeln: eine sichere emotionale Heimat. Perry beschreibt vor allem den Wert einer optimistischen Grundhaltung dem Kind gegenüber: „Um ihrer selbst willen müssen wir glauben, dass sie sich entwickeln und lernen und Dinge in den Griff bekommen werden.“ Diese Überzeugung – auch, wenn wir Eltern sie uns selbst erst erarbeiten müssen – spürt das Kind und es wird sie von uns lernen.

Wurzeln und Flügel

Ist ein Kind bereits größer, etwa im Kindergartenalter, wird es neben den Grundbedürfnissen Wünsche entwickeln und aussprechen. Eltern stehen nun vor der Herausforderung, zu differenzieren und auch mal „nein“ zu sagen. Das geht anfangs vielleicht gar nicht so leicht über die Lippen. Doch ein bindungsorientierter Umgang bedeutet nicht, dass ein Kind alles bekommt, was es haben will. Schon bald wird das Kind in Situationen geraten, in denen es Frust empfindet – und es wird lernen müssen, damit umzugehen. Eltern können das unterstützen, indem sie die Gefühle ihres Kindes ernst nehmen und Möglichkeiten aufzeigen, sie zu regulieren. Anfangs trösten wir Eltern, doch bald schon kann das Kind sich selbst trösten.
Auch wird das Kind spätestens im Kindergartenalter auch außerhalb des Elternhauses erste Konflikte austragen. Kinder jetzt ein Stück weit loszulassen, sie gleichzeitig aber wissen zu lassen, dass man für sie da ist, wenn sie Unterstützung brauchen, ist wichtig. Kinder sollten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen, manchmal brauchen sie aber eine Hand, die sie führt oder stützt. Schon der Poet Johann Wolfgang von Goethe hat gesagt: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Genau das ist es, was die Resilienz von Kindern fördert.

Resilienz im Alltag stärken

Im Alltag, außerhalb von belastenden Situationen, kann Resilienz spielerisch gefördert werden, indem man Kindern beispielsweise erlaubt, kleinere Aufgaben zu übernehmen und dabei Lern-Erfahrung zu sammeln. Kleine Kinder freuen sich schon, wenn sie merken, dass sie die Bitte eines Elternteils richtig verstanden haben: „Bringst du mir den anderen Schuh auch? Das ist eine Sandale –den Schuh brauche ich. Wunderbar, danke, komm, ich geb dir einen Kuss.“ So einfach lassen sich große kleine Erfolgserlebnisse schaffen. Das Kind erlebt: Ich kann helfen, mein Beitrag macht mein Eltern glücklich.“
Kinder sind neugierig und sie ahmen das Verhalten von Erwachsenen intuitiv nach. Vielleicht geht die ersten Male noch einiges daneben, wenn das Kind sich selbst etwas zu trinken einschenkt. Von Mal zu Mal wird es jedoch geschickter sein und schon bald ein Erfolgserlebnis haben, das sein Selbstwertgefühl stärkt. Je größer das Kind wird, desto anspruchsvoller können auch die Aufgaben werden. Eltern sollten nicht vergessen, ihre Dankbarkeit für die Hilfe zu zeigen, auch kleine Kinder blühen auf, wenn sie Wertschätzung erfahren. Daneben können Eltern ihre Kinder nach und nach in Entscheidungen mit einbinden und gemeinsam Kompromisse finden, wenn sich nicht alle Familienmitglieder einig sind. Leben in der Familie mehrere Kinder, ist ein wöchentlicher Familienrat eine Möglichkeit, alle zu Wort kommen zu lassen.

Diese Fähigkeiten besitzen resiliente Kinder

Resilienz ist eine variable Größe und nicht jede damit verbundene Fähigkeit ist bei allen Kindern gleich ausgeprägt. Es gibt jedoch typische Eigenschaften von resilienten Kindern, wie der Leiter des Zentrums für Kinder und Jugendforschung an der evangelischen Hochschule Freiburg, Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, erklärt.

Resiliente Kinder können ihmzufolge:

  • ihre eigenen Gefühle und die von anderen erkennen und einordnen.
  • die eigenen Gefühle kontrollieren, regulieren oder dafür um Rat bitten.
  • eigene Stärken und Kompetenzen erkennen.
  • Hilfe holen ohne sich vor Kontakt zu scheuen.
  • Strategien zur Problemlösung entwickeln und auf ähnliche Situationen übertragen.

Im Wortsinn bedeutet Resilienz „zurückspringen“ oder „abprallen“. Diesen aus dem Lateinischen stammenden Begriff findet man nicht nur im Zusammenhang mit menschlicher Widerstandsfähigkeit, sondern darüber hinaus auch in anderen Lebensbereichen, von der Technik über die Ökonomie und Ökologie, den Klimawandel bis hin zur Städteplanung. Er kann die Eigenschaft eines Materials oder eines kompletten Systems beschreiben.

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