Period Power: Die Kraft des weiblichen Zyklus

Frauen power
© OFC Pictures / Adobe Stock

Viele Frauen empfinden ihren Menstruationszyklus als notwendiges Übel, ohne den es keine Fortpflanzung gäbe. Dabei kann er ein wertvoller Wegweiser sein und sogar „Superkräfte“ freisetzen…

Es ist wieder so weit: Ich bekomme meine Menstruation. Mein Bauch schmerzt, meine Stimmung fährt Achterbahn und ich könnte den ganzen Kühlschrank leer futtern. Ich habe auf nichts Lust und würde mich am liebsten die kommenden Woche auf dem Sofa einigeln. Was hat sich Mutter Natur nur dabei gedacht? Ich habe keinen Kinderwunsch mehr. Kann diese doofe Bluterei nicht endlich mal aufhören? So in etwa habe ich lange Zeit einmal im Monat gefühlt und gedacht.

Als ich ein Teenager war, hat mir meine Mutter Entschuldigen für den Sportunterricht mitgegeben und noch lange bevor ich an Sex gedacht habe, hat mir mein Gynäkologe die Antibabypille verschrieben – damit die Schmerzen vor und während der Menstruation nicht so schlimm sind und mein (damit künstlicher) Zyklus gleichmäßig und planbar wird. Über die Kraft des (natürlichen) weiblichen Zyklus hat mit mir nie jemand gesprochen und auch nicht darüber, welches Wunder mein Körper da jeden Monat vollbringt. Die Menstruation ist mir als lästigste Nebenwirkung des Frauseins beschrieben worden und von Männern in meinem Umfeld als ein Grund dafür, dass Frauen im Job grundsätzlich weniger verdienen sollten – wegen ihrer mangelnden Belastbarkeit während dieser Zeit. Auch Sprüche à la: „Da hat wohl jemand seine Tage“, habe ich nicht selten gehört, wenn ich etwa in einer Debatte nicht klein beigeben wollte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich all das und vor allem mein eigenes Mindset zu diesem Thema hinterfragt und mich tiefergehend mit dem weiblichen Zyklus beschäftigt habe. 

Period Power!

Meine 14-jährige Tochter war ausschlaggebend dafür. Als sie eines Tages vor mir gestanden und mir strahlend erzählt hat, dass sie zum ersten Mal ihre Menstruation bekommen hat, war ich irritiert. Nicht darüber, dass mein Mädchen allmählich zur Frau wird, sondern über ihre überschwängliche Freude. Für sie war dieser Entwicklungsschritt eher ein Grund zum Feiern, denn zum Jammern. Sie sei bereits gut ausgestattet mit diversen Tampons und Binden und wisse – dank YouTube-Tutorials und erfahreneren Freundinnen – wie sie damit umgehen müsse, hat sie mir stolz berichtet. Ob sie keine Schmerzen habe, wollte ich wissen. Nicht so schlimm, meinte sie, denn sie hätte einen Tee und eine Wärmflasche und außerdem würde sie Atem- und Entspannungsübungen machen. Das ist ja mal eine ganz andere Herangehensweise an dieses Thema, habe ich mir gedacht und mein Teeniemädchen als Vorbild betrachtet. Vielleicht muss die Menstruation ja gar nicht so schlimm sein, wenn man sie nicht mit negativen Gedanken empfängt. Und vielleicht steckt in der übrigen Zeit des Zyklus sogar viel mehr Potenzial, als ich ahne … eine Art Period Power?

Wie die Jahreszeiten

Also habe ich angefangen, mir alle möglichen Bücher, Artikel, Interviews und Forschungsergebnisse durchzulesen. Letztlich war ich fest davon überzeugt, dass der weibliche Zyklus von vielen Menschen völlig zu Unrecht unterschätzt, mit Scham behaftet oder mit Schweigen bestraft wird. Es ist nämlich total interessant, was da im Körper vor sich geht und dass der weibliche Zyklus anderen Zyklen, die in der Natur zu beobachten sind, ähnelt. Besonders anschaulich finde ich den häufig gestellten Vergleich zu den vier Jahreszeiten.

7-10 Tage (Follikephase)

Im Frühling wächst und gedeiht alles – im weiblichen Körper steigt im ersten Zyklusabschnitt der Spiegel des Hormons Östrogen ___STEADY_PAYWALL___ und sinkt gleichzeitig der Spiegel des Hormons Progesteron. Dadurch werden wir aktiver und motivierter, gesellig und gut gelaunt. Die Eizellen werden nun stimuliert, der Follikelwachstum angeregt und die Gebärmutterscheimhaut aufgebaut. Wer nicht schwanger werden will, sollte gegen Ende dieser Phase sehr gut aufpassen – den Spermien können bis zu einer Woche im weiblichen Körper überleben und auf den Eisprung „warten“. Diese Zeit bietet sich an, um sich einer neuen Herausforderung zu stellen oder ein Projekt anzustoßen.


3-4 Tage (Eisprung)

Im Sommer erlebt nicht nur die Natur eine fruchtbare Phase, sondern auch wir Frauen – jetzt findet nämlich unser Eisprung statt und wir verströmen einen Duft, der auf Männer besonders anziehend wirkt. Neue Kontakte zu knüpfen fällt uns auch deshalb nun leichter – aber auch, weil wir eine besondere Ausstrahlung haben und uns rundum gut und optimistisch fühlen. Dafür sind die Hormone Testosteron-, Dopamin-, Östrogen- und Serotoninwerte verantwortlich, deren Konzentration nun den Höhepunkt erreicht. Nach dem Eisprung ist die Eizelle etwa zwölf bis 24 Stunden befruchtungsfähig. 


10-14 Tage (Gelbkörperphase)

Im Herbst zeigt sich die Natur besonders vielseitig. Einerseits dürfen wir uns über eine satte Ernte freuen und darauf haben nun viele Lebewesen einen gesteigerten Appetit, gleichzeitig gibt sich das Wetter „launisch“ und die Blätter fallen. Ähnliches erleben viele Frauen in der dritten Zyklusphase. Jetzt ist eine gute Zeit, Dinge abzuschließen oder zu ordnen. Schmerzende Brüste, Wassereinlagerungen, Anspannung und Gereiztheit können ebenso mögliche Begleiterscheinungen dieser Phase sein, wie Heißhungerattacken. Entschleunigung und Rückzug können dann guttun und auf den bevorstehenden Winter einstimmen. Unterstützend wirkt dabei das nun dominierende Hormon Progesteron, das uns müde macht. Das Positive daran: Die Schlafqualität ist jetzt meist recht gut. Den meisten Frauen fällt es zu dieser Zeit leichter, sich zu erden und fokussieren. Sich das Naschen jetzt zu verbieten, muss nicht sein – wir können aber gesunde Alternativen zu Schokolade, Chips und Co. im Haus haben.


3-7 Tage (Menstruation)

Im Winter scheint die Welt da draußen still zu stehen. Die Natur ruht und genau das tut uns im letzten Viertes des Zyklus gut. In dieser Phase wird die Gebärmutterschleimhaut abgebaut und die Blutung beginnt. Eine Tasse Tee, eine Wärmflasche, Schlabberkleidung und dicke Socken, ein kleines Wellnessprogramm zu Hause, ein gutes Buch oder gepflegtes Nichtstun sind nun absolut erlaubt und kein Zeichen für Schwäche, sondern für Selbstliebe und Selbstfürsorge. Diese Zeit bietet sich auch an, um bewusst neue Pläne zu schmieden, Visionen und Ziele zu manifestieren.

Via Positiva & Via Negativa

Etwas weniger differenziert als der Jahreszeiten-Vergleich ist die Unterteilung des weiblichen Zyklus in zwei Phasen – die „Via Positiva“ – in der wir uns bis zum Eisprung hin befinden und die „Via Negativa“ – die von da an bis zum Ende der Menstruation andauert. Wie die Bezeichnungen erahnen lassen, sind wir in der „Via Positiva“ aktiv und kraftvoll, während wir in der „Via Negativa“ lieber unsere Ruhe haben und der Hektik der Welt entfliehen wollen. Wenn wir unsere körperlichen und seelischen Bedürfnisse ignorieren und gegen unsere Natur und unseren ureigenen Rhythmus leben, können wir schnell an unsere Grenzen stoßen und aus dem Gleichgewicht geraten. Während der zweiten Zyklushälfte sollten wir uns deshalb nicht übermäßig fordern und uns bewusste Ruhepausen gönnen. Diese sind wichtig, um neue Energie zu tanken. Dafür können wir, wann immer möglich, versuchen bestimmte Aktivitäten in der Phase unseres Zyklus zu terminieren, in der wir ihnen ohne Mühe gerecht werden können. Ich habe meinen Zyklus inzwischen immer im Blick, wenn ich berufliche oder private Projekte plane. Sportliche Frauen können auch ihren Trainings- oder Ernährungsplan auf ihren Zyklus abstimmen und dadurch Einfluss auf ihr Wohlbefinden nehmen.

Interessante Fakten rund um den Zyklus

Irgendwann zwischen dem zehnten und 16. Lebensjahr bekommen Mädchen zum ersten Mal ihre Periode – das Durchschnittsalter liegt bei 12,5. Zwischen 45 und 55 beginnt dann bei den meisten Frauen die Menopause – hierzulande liegt das Durchschnittsalter bei 51 Jahren. Ein durchschnittlicher Menstruationszyklus dauert zwischen 23 und 35 Tagen. Doch selbst wenn er bei manchen Frauen kürzer oder länger ist, muss das keine bedenklichen Gründe haben. Es gibt durchaus Frauen, deren Zyklus nur 19 Tage oder gar 40 Tage lang ist und die dennoch ohne Schwierigkeiten schwanger werden. Ein unregelmäßiger Zyklus oder Zwischenblutungen können unterschiedliche Gründe haben – häufig genannt werden Stress, und das kann auch positiver Stress wie ein Urlaub sein, eine radikale Diät oder grundsätzlich eine falsche Ernährung. Frauen die beispielsweise unter Zöliakie leiden und dennoch Gluten essen, reagieren darauf oft mit Auffälligkeiten in ihrem Zyklus.

Synchronisierte Menstruation

Als ich in meinen 20ern viel Zeit mit meiner besten Freundin verbracht habe, haben wir irgendwann festgestellt, dass wir immer zum gleichen Zeitpunkt unsere Periode haben. Ich habe mich dann daran erinnert, dass es mir mit meiner Mutter auch so ging, als ich noch mit ihr zusammen gewohnt habe und heute verlaufen die Zyklus meiner Tochter und mir synchron. Alles Zufall? Darüber streiten die Expert:innen noch. Viele Frauen auf der ganzen Welt berichten von diesem Phänomen und sind sich sicher, dass sich die Zyklen von nahestehenden Frauen einander angleichen. Tatsächlich haben einige wissenschaftliche Untersuchungen genau das erforscht und eine mögliche Begründung dafür gefunden. Unsichtbar und geruchsneutral sondert eine Frau um ihren Eisprung herum Pheromone über den Achselschweiß ab. Diese verbreiten sich über die Luft und erreichen so die Frauen in ihrer direkten Umgebung. Wohnen Frauen zusammen oder verbringen sie sehr viel Zeit miteinander, können die Pheromone dafür sorgen, dass die Eisprünge synchronisiert werden. Da die Periode davon abhängig ist, kann es sein, dass bei einer ähnlichen oder gleichen Zykluslänge auch diese zur gleichen Zeit eintrifft. Welchen Nutzen dies evolutionsbiologisch haben könnte, ist jedoch unklar. 

Schwanger trotz Menstruation

Immer wieder liest oder hört man von Schwangere, die in den ersten Monaten oder sogar bis zur Geburt nichts von den „anderen Umständen“ bemerkt haben, weil sie ihre Menstruation weiterhin wie gewohnt bekommen haben. Tatsächlich kommt es vor, dass Schwangere Blutungen haben, die für das Ungeborene harmlos sind. Typisch ist eine leichte Nidationsblutung zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die befruchtete Eizelle in die Gebärmutterschleimhaut einnistet. Diese wird von manchen Frauen fälschlicherweise für eine Menstruationsblutung gehalten. Auch hormonell bedingte Blutungen, meist Schmierblutungen, können während der Schwangerschaft auftreten. Eine Menstruationsblutung ist allerdings während der Schwangerschaft ausgeschlossen.

Schwanger werden kann man allerdings tatsächlich trotz Menstruationsblutung, also wenn man in dieser Zeit ungeschützten Geschlechtsverkehr hat. Viele Paare denken, dann automatisch geschützt zu sein. Findet der Eisprung jedoch – aufgrund eines kurzen oder veränderten Zyklus – innerhalb einer Woche nach der Zweisamkeit statt, kann es durchaus zu einer Befruchtung und infolgedessen Schwangerschaft kommen. Ähnlich risikoreich ist die Idee von jungen Mädchen, nicht schwanger werden zu können, bevor sie ihre erste Monatsblutung hatten. Leichtsinnig verzichten viele von ihnen deshalb auf eine Verhütung. Doch da die erste Menstruation erst nach dem ersten Eisprung stattfindet und man dessen Zeitpunkt nur schwer bestimmen kann, ist eine Schwangerschaft vor der ersten Menstruation durchaus möglich.

Menstruierende Männer?!

Jüngst hat eine politische Debatte über das Bereitstellen von Mülleimern für menstruierende Männer in den Kabinen öffentlicher Toiletten für Aufsehen gesorgt. Viele Menschen waren verwundert: Menstruierende Männer? Dass biologische Männer ebenfalls hormonellen Schwankungen unterlegen sind und man diese in einer Art Zyklus verorten kann, ist bereits bekannt. Doch dass sie menstruieren, also einmal im Monat bluten, lernt man im Biologieunterricht nicht. Was soll diese Debatte also? Sie betrifft Transmänner, sprich Männer, die im falschen Körper geboren worden sind – nämlich in dem einer Frau. Ihre somit biologisch  gegebene Menstruation wird durch die Einnahme von Testosteronpräparaten oft unterdrückt – aber eben nicht immer. Und manche Transmänner nehmen auch (noch) keine Testosteronpräparate ein. Ihre Identität aufgrund ihrer Menstruation in Frage zu stellen, ist diskriminierend und die Forderung nach Mülleimern verständlich. Wenn ich mich im „Winter“ meines Zyklus befinde und ein öffentliches Klo aufsuche, möchte ich meinen Müll auch nicht außerhalb der Kabine entsorgen oder gar mit nach Hause nehmen müssen und so geht es wohl den meisten menstruierenden Personen. 

Apropos Müll

Womit wir bei einem weiteren Thema wären – nämlich dem Thema Müll. Je nach Dauer und Stärke der Menstruation verbraucht eine Frau in ihrem Leben zwischen 10.000 und 17.000 Tampons oder Binden. Das ist nicht nur ein enormer Kostenfaktor, sondern auch ein großer Müllberg. Die Tampons werden oft fälschlicherweise über die Toilette abgespült und so zum Problem der Kanalisation. Korrekt werden Tampons und Binden im Restmüll entsorgt – übrigens auch jene, die zu 100 Prozent aus biologisch abbaubarer Bio-Baumwolle bestehen. Zero Waste Alternativen sind etwa  wiederverwendbare Tampons oder Binden aus Stoff, Menstruationstassen aus medizinischem Silikon oder Periodenunterhosen.

Rebecca Sommer Journalistin Autorin Naturkind
Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 36-Jährige auf einem Hof in der Nähe von Hamburg.