Gender Reveal Kritik
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Gender Reveal – Ein Trend und sein unangenehmer Beigeschmack

Es regnet blaues Konfetti – ein Junge. Es regnet rosafarbenes Konfetti – ein Mädchen. Bei sogenannten „Gender Reveal Partys“ erfahren oder verkünden werdende Eltern feierlich das biologische Geschlecht ihres ungeborenen Kindes. Warum dieser Trend einen unangenehmen Beigeschmack hat und warum die Erfinderin ihren „Beitrag zur Kultur“ inzwischen bereut.

Auf Plattformen wie Instagram, Facebook oder Tik Tok sieht man täglich Fotos und Videos von werdenden Eltern, welche die Frage „Boy or Girl?“ mehr oder weniger spektakulär beantworten. Manche lassen blickdichte Luftballons platzen, aus denen es entweder rosafarbenes oder blaues Konfetti regnet oder sie schneiden eine Torte an, deren Füllung in einer dieser Farben eingefärbt ist, entzünden farbiges Kanonenrauchpulver oder öffnen einen großen Karton aus dem mit Helium gefüllte Ballons aufsteigen – in … Überraschung … Rosa oder Blau. Der Ideenreichtum ist groß, die Freude meist auch. Es fließen Tränen, es werden Freudensprünge aufgeführt, es wird getanzt und applaudiert. Juhu, es wird ein Mädchen! Juhu, es wird ein Junge. Manchmal ist auch das Gegenteil der Fall und man kann dem Gesichtsausdruck der werdenden Eltern ansehen, dass sie eine andere Erwartung hatten. Zudem kursieren zahlreiche Videos, in denen werdende Geschwister vor Enttäuschung weinen und vor laufender Kamera zugeben, dass sie sich statt eines Bruders eine Schwester (oder andersherum) gewünscht haben.___STEADY_PAYWALL___

Es wird ein … MENSCH

„Was wird es denn?“ In meinen vier Schwangerschaften habe ich keine Frage häufiger gehört, als diese. Nicht nur enge Freund:innen und Verwandte wollten wissen, ob in meinem Bauch ein Mädchen oder Junge heranwächst – auch entfernte Bekannte und sogar vollkommen Fremde hat das mehr interessiert, als alles andere rund um die Schwangerschaften. Einige haben sich auch ungebeten dazu berufen gefühlt, eine Einschätzung abzugeben. Spitzer Bauch gleich Junge, volles Haar gleich Mädchen. Oder sie haben mir nach dem ersten Jungen ein Mädchen gewünscht und das Ganze bei den folgenden Schwangerschaften im Wechsel.

„Ein Mensch“, habe ich irgendwann nur noch auf diese Frage geantwortet. Damit konnten die wenigsten etwas anfangen. „Ach, wollt ihr es gar nicht wissen/verraten“, war stattdessen die häufigste Mutmaßung. Manche dachten auch, das Ungeborene sei „schüchtern“ und wolle sein Geschlechtsteil wohl nicht zeigen. Was ich mit meiner Antwort tatsächlich aussagen wollte, haben die wenigsten verstanden.

Warum ist das biologische Geschlecht so wichtig?

Ich kann schon verstehen, warum viele werdende Eltern vor der Geburt wissen wollen, ob sie eine Tochter oder einen Sohn erwarten. Sie wollen einen passenden Vornamen aussuchen und die Erstausstattung entsprechend des biologischen Geschlechts abstimmen. Also entweder alles in Rosa, mit niedlichen Verzierungen wie Blumen, Herzen oder Schmetterlingen. Oder alles in Blau, verziert mit Autos oder frechen Sprüchen. Schubladendenken ist für viele Menschen wichtig. Es gibt ihrem Leben und Alltag Struktur. Sie wollen, dass alles der Norm entspricht und davon selbst nicht abweichen. Darüber, dass das biologische Geschlecht ihres Kindes eventuell gar nicht seinem wahren Geschlecht entspricht, machen sie sich gar keine Gedanken. Es gibt Mädchen und Jungs. Rosa und Blau. Zöpfchen und Kurzhaarschnitte. Puppen und Autos.

Das Ultraschallbild kann täuschen

Auch verlassen sich die meisten werdenden Eltern auf die moderne Technik und die Aussage ihre:r Frauenärzt:innen. Doch wer das biologische Geschlecht nicht mit einer Fruchtwasseruntersuchung sondern mit einem Ultraschall bestimmen lässt, kann ein falsches Ergebnis bekommen. Findet die Geschlechtsbestimmung schon beim ersten großen Ultraschall statt, liegt die Fehlerquote bei bis zu 20 Prozent, beim zweiten großen Ultraschall zwar nur noch bei etwa zehn Prozent – doch das ist auch nicht wenig: Bei einem von zehn Kindern wird sich nach der Geburt herausstellen, dass das biologische Geschlecht falsch erkannt wurde.

Hach, wenn es doch so einfach wäre!

Ist es aber nicht. Wie muss sich ein Junge fühlen, dessen Eltern irrtümlich unter rosafarbenem Konfettiregen vor Freude getanzt haben? Nach zwei Söhnen endlich die lang ersehnte Tochter. Wie wundervoll. Ups, doch nicht. Naja, auch okay. Aber schon schade.

Und wie muss sich beispielsweise ein Mädchen fühlen, das im Körper eines Jungen geboren wurde und dessen Eltern Freudentränen vergossen und Luftsprünge gemacht haben, als bei der „Gender Reveal Party“ blauer Rauch aufgestiegen ist?

Wenn Kinder, deren Geschlechtserkennung vor der Geburt falsch war oder deren biologisches Geschlecht nicht zu ihrer Identität passt, Fotos oder Videos von diesem Event ansehen, werden sie vielleicht denken, eine Enttäuschung für ihre Eltern zu sein. Das wünscht sich wohl niemand für sein Kind.

Zudem signalisiert man Kindern damit, dass ihr biologisches Geschlecht maßgebend sei und sie noch vor ihrer Geburt einer bestimmten Rolle zugeordnet wurden. Eine vollkommen freie Entfaltung und Entwicklung ist für sie kaum möglich.

Alle sind gleich viel wert

Es gibt noch heute Länder und Kulturkreise, in denen Mädchen „weniger wert“ sind, als Jungen. Spätabtreibungen aufgrund des „falschen“ Geschlechts sind dort keine Ausnahme. Auch das Verstoßen von neugeborenen Mädchen kommt noch immer vor. Jungen hingegen werden als Stammhalter gefeiert und genießen allerhand Vorzüge. Was antiquiert klingt, ist für viele traurige Realität.

In anderen Ländern wiederum ist es erlaubt, das biologische Geschlecht des Babys bei einer künstlichen Befruchtung selbst auszusuchen. Was hierzulande aus ethischen Gründen verboten ist, wird andernorts von vielen Menschen praktiziert. Dabei sind es nicht unbedingt Jungen, die bevorzugt werden – je nach eigenem Wunschdenken oder der bereits vorhandenen Familienkonstellation kann auch ein weibliches Embryo das Glück haben, in die mütterliche Gebärmutter transferiert zu werden.

Was interessiert mich, was in anderen Ländern Gang und Gebe ist, mögen nun manche denken.

Jede:r sollte sich frei entfalten dürfen

Doch auch in der westlichen Welt erfahren noch immer viele Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Identität Ablehnung oder werden benachteiligt. Es ist an der Zeit, die typischen Rollenmuster und das Schubladendenken aufzulösen und den nächsten Generationen die Chance zu geben, sich vollkommen frei zu entwickeln – unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht. Mit dem Zelebrieren von „Gender Reveal Partys“ senden wir ein falsches Signal. Ebenso mit dem Aufzwingen geschlechtertypischer Einrichtung, Kleidung oder Spielsachen, die viele Eltern noch vor der Geburt besorgen. Unsere Kinder sollten wissen, dass sie für uns als Mensch bedeutend sind und uns ihr biologisches Geschlecht egal ist.

Das sieht auch die Erfinderin der „Gender Reveal Partys“ – die Bloggerin Jenna Karvunidis – inzwischen so. Im Jahr 2008 hat sie in ihrem Blog als Erste über diese Art der Geschlechtsverkündung geschrieben. Die bekannte Plattform für Schwangere The Bump hat diesen Blogbeitrag aufgegriffen und so hat die Idee Bekanntheit erlangt und sich zum Trend entwickelt. Jenna Karvunidis bereut ihren „Beitrag zur Kultur“ inzwischen, wie sie auf Facebook unter einem Familienfoto schreibt: „Dem biologischen Geschlecht eines Kindes wird heute plötzlich so viel mehr Aufmerksamkeit und Gewicht gegeben als jemals notwendig gewesen wäre. Ist es nicht egal, welches Geschlecht ein Kind hat? Mir war es damals nicht egal, weil wir noch nicht das Jahr 2019 hatten und über viele Dinge nicht so dachten wie wir heute drüber denken.“

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.