Schaden Lügen um Weihnachtsmann, Christkind und Co. unseren Kindern?

Weihnachtsmann Liebe
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Wer bringt an Weihnachten die Geschenke: Der Weihnachtsmann oder das Christkind? Die meisten Familien können eine der beiden Figuren benennen. Doch der Glaube daran und an andere „magische Wesen“, die im Advent auftauchen, kann Kindern nicht nur Freude bringen. Warum Naturkind Rebecca für Ehrlichkeit plädiert und einige Wissenschaftler:innen sogar eindringlich vor der „Weihnachtsmann-Lüge“ warnen.

Als ich mit sechs Jahren im Kindergarten erfahren musste, dass weder das Christkind noch der Weihnachtsmann existiert, war ich bitter enttäuscht – am meisten darüber, dass mich meine Eltern in dieser Sache mein Leben lang angelogen haben. In den kommenden Wochen war meine Mission, unwissende Kinder aufzuklären und als erste mussten meine beiden kleinen Cousinen – damals vier und zwei Jahre alt – daran glauben. Oder besser gesagt, nicht mehr daran glauben. Was hab ich für einen Ärger bekommen! Ich sei die Große und deshalb in das Geheimnis eingeweiht worden, hat man mir erklärt. Die Kleinen sollten weiterhin davon ausgehen, dass ihr Verhalten das ganze Jahr über von magischen Wesen beobachtet und und am Jahresende entsprechend belohnt oder bestraft würde. Schon damals habe ich gespürt, dass das falsch ist und wollte es bei meinen Kindern einmal anders machen. Habe ich Jahre später dann auch. Und obwohl ich meinen Kindern gegenüber von Anfang an ehrlich war, ist unsere Adventszeit von einem ganz besonderen Zauber erfüllt. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil.

Wissenschaftler:innen warnen vor der „Weihnachtsmann-Lüge“

Vielleicht war ich ein empfindliches Kind und habe das gut gemeinte Schauspiel deshalb als Verrat empfunden. Doch so wie mir geht es zahlreichen Kindern – seit Generationen. Inzwischen warnen einige ___STEADY_PAYWALL___Wissenschaftler:innen, wie Christopher Boyle und Kathy McKay, öffentlich davor, dass man Kindern die Freude an Weihnachten nachhaltig verhageln kann, wenn sie das Fest der Liebe (unterbewusst) immer mit einer Enttäuschung in Verbindung bringen.

Kinder finden alle irgendwann heraus, dass ihre Eltern unverfroren über Jahre hinweg eine Lüge aufrecht erhalten haben.

Christopher Boyle (von der Universität Exeter, Großbritannien) 

Kinder vertrauen ihren Eltern und nahen Verwandten erst einmal blind und glauben die Geschichten vom Weihnachtsmann oder Christkind und auch von anderen fiktiven Figuren, die im Advent auftauchen – etwa dem Nikolaus oder Weihnachtswichtel. Viele Eltern geben sich größte Mühe, ihr „Lügenkonstrukt“ nicht aufzufliegen zu lassen. Äußern die Kinder erste Zweifel oder stellen das Ganze direkt in Frage, werden sogar „Beweise“ für die Existenz der Gestalten vorgebracht, um das Vertrauen der Kinder zurückzugewinnen. Doch genau dieses kann in den Grundfesten erschüttert werden, wenn die Wahrheit eines Tages krachend einschlägt. Und dieser Vertrauensbruch ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr, der sich Eltern und andere Bindungspersonen bewusst sein sollten.

Die Kinder stehen damit vor gleich mehreren Fragen: Wenn die Geschichte mit dem Weihnachtsmann gelogen war, wo haben Mama und Papa dann noch die Unwahrheit gesagt?

Kathy McKay (von der Universität New England, Australien)

Daneben lauert darin noch eine weitere: Kinder lernen bekannter Maßen in erster Linie durch Beobachtung und Nachahmung. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) belegt, dass Kindergartenkinder eher dazu neigen, ihre Umwelt zu belügen oder beim Spiel zu betrügen, wenn sie selbst von ihren Eltern bereits belogen wurden. Welches Vorbild sind wir unseren Kindern? Diese Frage sollten wir uns als Bezugspersonen immer wieder mal stellen.

Aber sind magische Wesen nicht wichtig für die kindliche Entwicklung?

In der Tat. Viele Expert:innen sind davon überzeugt, dass der Glaube an fiktive Figuren zur kindlichen Entwicklung dazugehört. Vor allem in der „magischen Phase“ – also etwa zwischen dem dritten und fünften (teils achten) Geburtstag – gehen Kinder regelrecht in ihrer Fantasiewelt auf. Einige von ihnen glauben an Feen, Elfen, Zwerge, Gnome, Kobolde, Geister und andere Wesen. Manche haben unsichtbare Freund:innen, mit denen sie sich unterhalten oder Angst vor Monstern unterm Bett. In dieser Entwicklungsphase ist nahezu alles möglich – im Kopf vermischen sich Realität und Fiktion. Bezugspersonen sollten nun nicht als „Spielverderber:innen“ fungieren und Kinder aus ihrer Fantasiewelt heraus reißen oder sich gar über ihren Glauben lustig machen, nur um sie auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Kinder sollten nun ruhig kreativ-schöpferisch tätig sein dürfen. Doch im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass Kinder nun belogen werden sollten. Spielerisch in ihre Vorstellungen einzutauchen und die Welt noch einmal durch Kinderaugen zu betrachten, kann auch für Erwachsene eine Bereicherung im Alltag sein. Sie sollten in dieser Rolle aber nicht so sehr aufgehen, dass sie selbst die Wahrheit vergessen. Es handelt sich um ein Spiel – und das dürfen auch Kinder wissen. Wenn die also fragen, ob es den Weihnachtsmann oder andere Gestalten in Wirklichkeit gar nicht gibt, ist ein ehrliches und feinfühliges Gespräch angesagt. Dieses muss ja nicht damit enden, dass das Ritual an sich aufgegeben wird.

Rituale bereichern die Kindheit

Weihnachtsmann und Co. müssen nicht mit der Keule vertrieben, sondern können auf spielerische Weise in den Alltag eingebunden werden. Und sie können losgelöst werden, von veralteten Erziehungsmethoden, die noch immer vielerorts mit ihnen verknüpft werden. Rituale sollen die Kindheit bereichern, den Advent zu einer harmonischen Zeit voller Harmonie, Geborgenheit und Vorfreude machen, aber keine Ängste schüren. Androhungen, Weihnachtsmann und Co. würden nur artigen Kindern Geschenke bringen, sind von gestern. Heute weiß man, dass Bestrafungen und Belohnungen (als indirekte Bestrafungen) zwar den gewünschten Effekt haben können – aber nicht das Mittel der Wahl sein sollten. Immer mehr Erwachsene haben das verstanden und streben deshalb eine Kommunikation auf Augenhöhe an – auch mit den Kleinsten. Basis dafür ist und bleibt Ehrlichkeit.

Unser persönlicher Weg: Kein Patentrezept

Als Mutter von vier Kindern zwischen zweieinhalb und 17 Jahren weiß ich, wie unterschiedlich Kinder sein können. Jedes Kind durchläuft die „magische Phase“ mit einer anderen Ersthaftigkeit und der „richtige“ Umgang damit kann deshalb nicht als Patentrezept geliefert werden. Eltern und andere Bezugspersonen sollten nicht zuletzt auf ihr Bauchgefühl und ihre Intuition hören. Und sie sollten ihrem Kind Raum geben, selbst zu entscheiden, woran es in welchem Ausmaß glauben und auf welches Ritual oder Spiel es sich gern einlassen möchte.
Mein drittes Kind beispielsweise ist Asperger-Autist. Mit seiner Besonderheit verbunden ist eine Wahrnehmung, die wir nicht immer nachempfinden können und ein Blick auf die Welt, der nicht immer das zeigt, was wir „Realität“ nennen würden. Für ihn war der Weihnachtsmann eine sehr wichtige Figur zur Weihnachtszeit und wenn jemand gesagt hat, dass es diesen aber nicht wirklich gibt, war er vollkommen empört. Er hat am Weihnachtsmann festgehalten, bis er zehn Jahre alt war und ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht so genau, ob es für ihn ein intensives Spiel oder ein fester Glaube war. Als Familie haben wir ihn darin begleitet und ihn zu keiner Zeit damit aufgezogen – angelogen haben wir ihn aber auch nicht.

Trotzdem eine magische Zeit

Meine Kinder wussten von Anfang an, dass es rund um die Adventszeit allerhand erdachte Figuren und Rituale gibt. Sie lieben es bis heute (ja, auch die Großen), bei Tee und Plätzchen Weihnachtsgeschichten vorgelesen zu bekommen, Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu adressieren und zur Post zu bringen (obwohl ihnen klar ist, dass wir die Geschenke kaufen) und ihre Stiefel frisch geputzt am Nikolausabend vor die Haustür zu stellen. Sie sind an Heiligabend aufgeregt, wenn vor dem Haus etwas poltert – war das der Weihnachtsmann? Und als vor einigen Jahren ihr Großvater tatsächlich als Weihnachtsmann verkleidet vor der Tür stand, sind sie in das Spiel mit eingetaucht. Seit einiger Zeit zieht Anfang Dezember außerdem ein Weihnachtswichtel bei uns ein. Diesen skandinavischen Brauch haben wir an unsere Vorstellungen angepasst und der ursprünglichen Version damit ihren Schrecken genommen. Wie genau sich das bei uns gestaltet, liest du HIER… Im Advent liegt bei uns eine Magie in der Luft, die uns alle näher zusammenrücken lässt. Obwohl oder vielleicht gerade weil ich meinen Kindern nie etwas vorgemacht habe.

Rebecca Sommer Journalistin Autorin Naturkind
Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 36-Jährige auf einem Hof in der Nähe von Hamburg.