Langzeitstillen WHO
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Langzeitstillen: Warum die WHO dazu rät, Kinder zwei Jahre zu stillen

Wie, du stillst noch? Wer seinem Kind länger als ein halbes Jahr die Brust gibt, bekommt dafür von Außenstehenden nicht nur Verständnis entgegengebracht. Dabei wird das Langzeitstillen sogar von offiziellen Stellen wie der WHO empfohlen…

Vorab: Keine Mutter sollte sich schlecht fühlen, wenn sie sich bewusst gegen das Stillen oder für ein frühes Abstillen entscheidet. Diese Entscheidung sollte jede Frau für sich treffen und sich dafür nicht rechtfertigen müssen. Jene, die aus medizinischen Gründen nicht stillen können oder denen von Hebamme oder Ärzt:in zum Abstillen geraten wird, sollten ebenfalls kein schlechtes Gewissen haben. Auch ein Fläschchen kann man liebevoll und mit einer Kuscheleinheit verbunden füttern und moderne Babynahrung ist tatsächlich besser als ihr Ruf. Dieser Beitrag soll niemanden persönlich angreifen, sondern darüber aufklären, warum offizielle Stellen wie die WHO eine längere Stillzeit befürworten.

Ab wann spricht man von Langzeitstillen?

Stillen hat viele Vorteile für Mutter und Kind und Muttermilch ist in der Regel eine sehr wertvolle Nahrungsquelle. Deshalb wird gesunden Müttern von gesunden Kindern grundsätzlich erst einmal zum Stillen geraten. Darüber, wie lange ein Kind gestillt werden sollte, sind sich Expert:innen hingegen nicht immer einig. Ein Kind hierzulande kann nach einem halben Jahr allmählich an feste Nahrung gewöhnt werden und kommt mit einem Jahr gut ohne zusätzliche Milchmahlzeiten aus. Danach spricht man landläufig vom Langzeitstillen. Diesen Begriff lehnen viele Mütter jedoch ab und auch deshalb hat sich in Sozialen Medien inzwischen das Hashtag #Normalzeitstillen verbreitet.

WHO empfiehlt zweijährige Stillzeit

Die WHO (World Health Organization) empfiehlt, Kinder sechs Monate voll zu stillen und ihnen bis zum zweiten Geburtstag oder darüber hinaus weiterhin – zusätzlich zu fester Nahrung – regelmäßig Muttermilch zu geben. Das Kind erhalte durch das Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten einen besseren Schutz des Magen-Darm-Traktes vor Infektionen, so die WHO. Außerdem sei bei Säuglingen, die sechs Monate ausschließlich gestillt wurden, eine bessere motorische Entwicklung beobachtet worden. Nach sechs Monaten könne Muttermilch allein, laut WHO, die Ernährungsbedürfnisse des Kindes immer weniger befriedigen. In diesem Alter seien die meisten Babys dann bereit für den Beikoststart. Dennoch solle man weiterhin zusätzlich stillen, unter anderem um es über die Muttermilch weiterhin mit essenziellen Nährstoffen zu versorgen und auch, weil längeres Stillen vor Erkrankungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter schützen könne. Zu diesen Erkrankungen zählen beispielsweise lymphatische Leukämie, das Hodgkin-Lymphom, Diabetes Typ 2. Zudem kann das Risiko für Adipositas, Seh- und Zahnprobleme sinken. Die WHO betont, dass ihre Empfehlung nicht nur für Frauen in Entwicklungsländern gilt.

Weitere offizielle Stellen sehen das ähnlich

Die Nationale Stillkommission (NSK) am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) spricht sich dafür aus, ein Kind mindestens bis zum Beginn des fünften Lebensmonats ausschließlich zu stillen. Frühestens zu diesem Zeitpunkt und spätestens mit Beginn des siebten Lebensmonats sollte zusätzlich zur Muttermilch Beikost gefüttert werden. Wobei auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. Grundsätzlich stimmt die NSK der Aussage der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ) zu, nach welcher das Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten für die Mehrheit der gesunden, reif geborenen Säuglinge in Europa die ausreichende Ernährung ist. 

Durchschnittliche Stillzeit (nicht) artgerecht?

Tatsächlich wird nur jedes achte Kind in Deutschland sechs Monate voll gestillt. Die durchschnittliche Stillzeit endet hierzulande 7,5 Monate nach der Geburt komplett. Zum ersten Geburtstag bekommen lediglich noch neun Prozent der Kinder die Brust. Wissenschaftler:innen gehen nach aktuellem Stand davon aus, dass Vormenschen ihre Babys etwa ein Jahr lang gestillt haben und bei Frühmenschen eine noch längere Stillzeit üblich war. Frühmenschenbabys haben aber wahrscheinlich zwischen dem siebten und zehnten Lebensmonat zusätzlich zur Muttermilch Beikost bekommen. Wahrscheinlich konnten unsere Vorfahren flexibel auf Umwelteinflüsse reagieren und in Notsituationen größere Kinder, die bereits abgestillt waren, erneut zu stillen beginnen.

In einigen Quellen liest man, eine Stillzeit von bis zu sieben Jahren sei für Menschen artgerecht. Diese Annahme basiert auf einem direkten Vergleich mit anderen Säugetieren, vor allem Menschenaffen, die ihren Nachwuchs im Durchschnitt stillen bis dieser seine Milchzähne verliert und erste bleibende Zähne bekommt. Bei Menschenkindern ist das meist zwischen fünf und sieben Jahren der Fall. Unter Wissenschaftler:innen ist dieser Vergleich umstritten.

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.