Besorgte Eltern, volle Terminpläne und moderne Technologien führen dazu, dass sich Mensch und Natur immer weiter entfremden. Jedes zweite Kind darf sich ohne Begleitung kaum vom Elternhaus entfernen und verlernt, die Natur als Gegenüber wahrzunehmen. Welche Folgen hat diese Entwicklung für unsere Gesundheit, die Gesellschaft und den Planeten?

Früher waren wir den ganzen Tag draußen

Zu den intensivsten und schönsten Kindheitserinnerungen zählen für viele Menschen Naturerlebnisse: Auf Bäume klettern, in Matschpfützen hüpfen, Eiszapfen abschlecken, Kaulquappen beobachten. Viele Eltern wurden als Kinder zum Spielen „nach draußen“ geschickt und haben dort mit ihren Freunden herumgetobt und Abenteuer erlebt. Dabei hatten sie weder GPS-Sender an den Handgelenken, noch Handys in den Hosentaschen. Oftmals wussten ihre Eltern nicht einmal, wo genau sie gerade unterwegs waren und haben sich damit abgefunden, ihren Nachwuchs zur Dämmerung wieder begrüßen zu dürfen. Eine Horrorvorstellung für viele heutige Eltern.

Ständige Panik und übertriebene Überwachung

In Zeiten moderner Technologien müssen die meisten Kinder jederzeit für ihre Eltern erreichbar sein. Zur Überwachung des Aufenthaltsortes nutzen einige Eltern sogar Hilfsmittel, wie Apps und GPS-Tracker. Die Angst, dem eigenen Kind könnte etwas zustoßen, bestimmt den Erziehungsstil und so werden immer mehr Eltern zu sogenannten „Helikopter-Eltern“, die pausenlos um ihre Kinder kreisen und sie ständig überwachen. Soziale Medien schüren diese Ängste und den Druck, das eigene Kind ständig vor der bösen und gefährlichen Welt beschützen zu müssen. Neben einem vollen Terminplan und schulischem Lerndruck tragen viele Eltern auf diese Weise ihren Teil dazu bei, dass Kinder nur noch selten Erfahrungen in der Natur sammeln und sich dort frei bewegen.

Radius um das eigene Zimmer nur noch 500 Meter

Einfach so herumstreifen und die Welt erkunden – viele Kinder dürfen diese Erfahrung gar nicht oder erst sehr spät machen. Kinder werden vom „Eltern-Taxi“ in die Schule kutschiert, weil der Weg mit dem Fahrrad oder zu Fuß viel zu gefährlich ist. Nach der Schule geht es zum Fußballtraining, zum Klavier- oder zum Nachhilfeunterricht. Studien zeigen, dass sich Kinder in den 1960-er Jahren in einem Radius von mehreren Kilometern frei bewegen durften, während sich Kinder heute im Schnitt nur noch 500 Meter vom Elternhaus wegbewegen dürfen. Soziologen sprechen von „verinselten Kindern“ und appellieren an Eltern: Kinder brauchen freies Spiel an der frischen Luft. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk ist alarmiert und erklärt, die Möglichkeiten zum Draußenspielen seien heute schlechter als jemals zuvor.

Viele Kinder und Jugendliche finden die Natur „langweilig“

Dazu kommt die eigene Unlust vieler Kinder, die sich statt mit der Natur lieber mit ihrem Smartphone beschäftigen, vor dem Fernseher „chillen“ oder Computerspiele „zocken“. Draußen ist es doch „langweilig“. Was soll man da schon machen? Und fremde Kinder aus der Nachbarschaft ansprechen? Peinlich! Selbst Kinder von Eltern, die sich selbst gerne in der Natur bewegen und ihre Kinder immer wieder ermutigen, das Haus zu verlassen, zeigen dieses Verhalten oftmals. Die Natur scheint „aus der Mode“ gekommen zu sein. Viele Kinder, die nicht ständig einer Reizüberflutung ausgesetzt sind, wissen nichts mit sich anzufangen. Diese Entwicklung zeigt sich auf dem Land ebenso wie in der Stadt und kann verheerende Auswirkungen auf die Zukunft unserer Gesellschaft haben.

Kindergärten und Schulen unterrichten naturfern

Neben dem eigenen Elternhaus sind es Erzieher und Lehrer, die unsere Kinder in den wichtigsten Jahren prägen. Ihr Verhalten wird bewusst oder unbewusst zum Vorbild genommen. Klassische Kindergärten und Schulen, die sich nicht auf Wald- oder Naturpädagogik spezialisiert haben, bieten Kindern nur selten Zeit außerhalb der Einrichtung. Walderlebnistage sind Jahreshighlights und Wandertage haben mit Wandern nur noch selten etwas gemein. Dass wir die Natur nicht nur als Rohstofflieferant, sondern auch als Gegenüber benötigen, wird kaum vermittelt. Liedermacherin Sarah Lesch hat in ihrem Lied „Testament“ sehr passend formuliert, was für Lehrer heutzutage Alltag ist: „Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern, während sie drinnen an Tischen sitzen!“ Verschiedene Baum-, Pflanzen- und Tierarten kennen viele Kinder nur noch aus Schulbüchern.

Das Natur-Defizit-Syndrom und seine Folgen

In seinem Buch „Das letzte Kind im Wald“, bezeichnet Autor Richard Louv die Entfremdung von Mensch und Natur als „Natur-Defizit-Syndrom“, das seiner Ansicht nach weitreichende Folgen für den gesamten Planeten haben kann. Wer als Kind nicht lernt, wie wertvoll Umwelt und Tierwelt sind, tut sich als Erwachsener schwer, diese zu schützen und zu bewahren. Ressourcen werden ohne Sinn und Verstand verschwendet, Abgase in die Luft geblasen, Fleisch in Massen produziert, Lebensmittel weggeworfen. Dieses Verhalten können nur diejenigen an den Tag legen, die kein „grünes Gewissen“ haben. Fehlen die Begegnungen mit der Natur, kann es – da sind sich Louv und zahlreiche Experten sicher – außerdem zu körperlichen und seelischen Erkrankungen kommen und vorhandene Verhaltensauffälligkeiten können negativ beeinflusst werden. So sieht Louv einen Zusammenhang zwischen einem Natur-Defizit und der Vielzahl von AD(H)S-Diagnosen in den letzten zwei Jahrzehnten. Auch Depressionen und Essstörungen im Kindesalter könnten teilweise Folgen eines Natur-Defizits sein.

Alarmierende Umfrage-Ergebnisse

So verständlich die Sorgen und Ängste von Eltern erscheinen, so unbegründet sind sie oftmals. Zwar erscheinen die Gefahren heute größer, weil wir ständig mit Schreckensmeldungen konfrontiert werden, tatsächlich ist dieses Empfinden jedoch nicht belegbar. Viele Eltern überschätzen das reale Risiko und gehen deshalb lieber auf Nummer Sicher – womit sie ihren Kindern am Ende mehr schaden, als helfen. Im Jahr 2015 hat die Zeitung „Die Zeit“ das Meinungsforschungsinstitut YouGov beauftragt, in einer repräsentativen Umfrage herauszufinden, welche Freiheiten Eltern ihren Kindern einräumen und wie sie ihre Einschränkungen begründen. Das Ergebnis war eindeutig: 56 Prozent der befragten 1.002 Mütter und Väter gaben an, ihre Kinder unbeaufsichtigt nur auf dem eigenen Grundstück und maximal in der direkten Nachbarschaft spielen zu lassen.

Ängste oftmals unbegründet

„Angst vor Fremden“ und „Gefahren im Straßenverkehr“ seien die Hauptgründe, warum so viele Eltern ihre Kinder an der „kurzen Leine“ hielten, verraten die Umfrageergebnisse. Um ihre Kinder zu schützen, fahren Eltern ihre Kinder deshalb mit dem Auto von A nach B. Ein Trugschluss – denn die meisten Kinder, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen, saßen zum Unfallzeitpunkt IN einem Auto. Die Sorge vor Kindesmissbrauch ist zwar nicht unbegründet – das Statistische Bundeskriminalamt verzeichnet in den letzten Jahren einen Anstieg der Fälle – nach wie vor kommen die meisten Täter jedoch aus der Familie oder dem direkten Umfeld des Opfers. Missbrauchsfälle durch völlig Fremde, die sich Zufallsopfer suchen, bleiben eine Ausnahme, auch wenn diese von Medien gerne aufgegriffen werden.

Eltern sollten mit ihren Kindern über ihre Sorgen sprechen und sie frühzeitig aufklären. Verkehrsregeln sollten bereits im Kindergartenalter spielerisch trainiert werden und auch das richtige Verhalten in Notsituationen sollte so früh wie möglich einstudiert werden. Kinder dürfen wissen, dass es „böse Menschen“ gibt und sie nicht einfach mit Fremden mitgehen dürfen. Eltern sollten ihre Kinder jedoch nicht in Panik versetzen und sie stattdessen stärken, ihnen Selbstvertrauen vermitteln und ihnen ebenso wie Wurzeln auch Flügel geben – mit denen sie nach und nach die Welt erkunden dürfen.