Corona Wald
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Raus aus der Krise, rein in den Wald!

In den letzten Monaten haben immer mehr Menschen den Wald als Erlebnisort für sich entdeckt. Warum das grundsätzlich eine positive Entwicklung ist und was der Wald davon hält…

Erlebnisse in der Natur sind wichtig für die Entwicklung von Kindern und die Gesundheit aller Altersgruppen. Durch eine stabile Naturverbindung entsteht zudem ein Verständnis für die Schutzbedürftigkeit anderer Lebewesen und die Ambition für einen nachhaltigen Lebensstil. Die neue Waldlust der hiesigen Bevölkerung, die seit Beginn der Corona-Krise spürbar gestiegen ist, ist auch deshalb zu begrüßen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, der Natur bei einem Besuch nicht zu schaden.

Der Wald kennt kein Corona?

Deutschlands bekanntester Förster, Peter Wohlleben, hat eine interessante These dazu aufgestellt, warum es vor allem während der vorgeschriebenen Lockdowns so viele Menschen in den Wald gezogen hat: Der Wald kenne kein Corona, hier sei alles beim Alten – Pflanzen und Tiere verhalten sich wie man es von ihnen gewohnt sei, erklärt er in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. Das klingt schlüssig, denn gerade dieses Gewohnte haben viele Menschen in den letzten Monaten schmerzlich vermisst. Im Wald kann man für einen Moment seine Alltagssorgen vergessen, muss keine Einwegmaske tragen und es fällt nicht schwer, Abstände zu anderen Menschen einzuhalten. Der Stresspegel sinkt und Entspannung macht sich breit.

Großer Ansturm vielerorts ein Problem

Doch auch wenn der Wald in diesem Sinne kein Corona kennt, so hat sich der vermehrte Ansturm auf die heimische Natur durchaus auch im Wald bemerkbar gemacht. Denn unter den vielen Menschen waren nicht nur Naturfreund:innen. Viele hat es, vor allem in Stadtnähe, schlicht deshalb in den Wald gezogen, weil sie keine Alternativen hatten. Fitnessstudios hatten geschlossen, also wurde im Wald gejoggt und Mountainbike gefahren. Restaurants und Cafés hatten geschlossen, also wurde im Wald gepicknickt. Clubs hatten geschlossen, also wurde im Wald gefeiert. Dort, wo sich der Mensch unbeobachtet fühlt, neigt er nicht selten zu Regelverstößen. Das haben Naturschützer:innen während der letzten Monate vielerorts beobachten müssen. So auch Christoph Schramm, Wald-Referent vom BUND Baden-Württemberg: „Durch Einwegmasken und To-go-Verpackungen wegen geschlossener Restaurants quillen die Mülleimer in Parks und Naherholungsgebieten über, viel Müll liegt auch einfach so in der Natur.“ Einwegmasken bestehen aus Kunststoffgewebe und benötigen für die Zersetzung etwa 450 Jahre. In diesem langen Zeitraum stellen sie vor allem für im Wald lebende Tiere eine Gefahr dar – denn diese können sich beispielsweise in den Ohrschlaufen verfangen und selbst strangulieren. 

Die Sehnsucht nach Freiheit und ihre Folgen für die Natur

Neben diesem Problem ist ein weiteres in ganze Deutschland und auch den Nachbarländern aufgetreten: Der große Zuwachs des Mountainbike-Sports, durch welchen neue illegale Trails in den Wäldern entstanden sind. Ohne Rücksicht auf Schutzgebiete und Lebensräume zu nehmen, brettern zahlreiche Zweiradfans durch die Natur und stören damit mitunter Ruhezonen von Wildtieren. Einige jener, die mit dem Ausflug in den Wald ihre vermeintliche Naturverbundenheit zum Ausdruck bringen wollten, können der Natur mit ihren „Mikro-Abenteuern“ unbewusst schaden. Beispielsweise indem sie offene Feuer entfachen oder Bauten errichten, für die der Waldboden umgegraben, Bäume beschädigt oder gar gefällt werden. Auch das Wildcampen, das in Deutschland grundsätzlich verboten ist und für das Bußgelder drohen, hat durch die temporären Reiseverbote und strengere Regelungen an zuvor beliebten Urlaubsorten eine neue Dimension angenommen. Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, nach Unbeschwertheit und immer mehr auch nach Natur. Das ist grundsätzlich keine negative Entwicklung und sollte sogar gefördert werden, wie auch Christoph Schramm findet: „Manchen Familien würde es viel schlechter gehen, wenn sie nicht die Gelegenheit hätten, das Grüne aufzusuchen.“ 

Das Natur-Defizit-Syndrom

Die positiven Auswirkungen, die ein Ausflug in den Wald auf Menschen haben kann, ist nicht zu unterschätzen. Gerade in solch herausfordernden Zeiten, wie wir sie seit Monaten erleben, kann die Natur heilsam für Körper und Geist sein und zudem das Immunsystem stärken. Wer die Natur (wieder) lieben lernt und sie in ihrer wundervollen Vielseitigkeit sieht, verspürt eher den Drang, sie zu schützen und auch im Alltag nachhaltiger zu leben. Ein Punkt, den Peter Wohlleben in einem Videostatement* zum Thema „Corona-Krise – eine Chance für den Wald?“ als positiven Effekt hervorhebt.

Manche Menschen müssen jedoch beim Knüpfen einer Naturverbindung zunächst an die Hand genommen und angeleitet werden. Die Entfremdung von den eigenen Wurzeln, Instinkten und der Ursprünglichkeit der Natur hat seit Generationen schleichend stattgefunden und ist zuletzt durch die zunehmende Digitalisierung beschleunigt worden. Immer mehr Menschen leiden unter dem sogenannten Natur-Defitit-Syndrom. Davon betroffen sind bereits Kinder und Jugendliche. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Durchschnittseuropäer:innen 90 Prozent** ihres Lebens in geschlossenen Räumen verbringen – wozu neben Gebäuden auch Autos, Busse, Bahnen und Flugzeuge zählen.

Einen achtsamen Umgang mit der Natur lernen viele Menschen nicht mehr und auch für reale Gefahren in der heimischen Wildnis haben viele keinen Blick mehr, was zu einer Verunsicherung und weiteren Abgrenzung führt. Vielen ist das leider gar nicht bewusst und so nutzen sie die Chancen nicht, die der Wald ihnen bietet. Die Chance, zu sich selbst zu finden und sich etwas Gutes zutun, resilient für Krisenzeiten zu werden, sich als Teil der Natur zu begreifen und sie zu schützen – damit auch Generationen nach uns im Einklang mit ihr leben können.

*Video auf der Facebookseite von Peter Wohlleben, vom 1. Oktober 2020. **Quelle: „WHO Europa Bericht 2013“

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.