Lotus geburt
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Lotusgeburt: Wenn die Plazenta dran bleibt

„Wer schneidet die Nabelschnur durch?“, diese Frage stellt sich bei einer Lotusgeburt nicht. Denn dabei bleibt die Nabelschnur samt Plazenta am Kind.

Kinder werden so schnell groß und sie nabeln sich im wahrsten Wortsinn von allein ab – wenn man sie lässt. Bei der Lotusgeburt wird die Nabelschnur nicht durchtrennt, stattdessen bleibt sie am Kind, samt der Plazenta, die am anderen Ende hängt. Klingt schräg? Mag sein. Soll aber einige Vorteile haben. Im Folgenden mehr.

Die Nabelschnur auspulsieren lassen

Ich liege entspannt auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer, meine dort gerade geborene Tochter im Arm. Neben ihr die Plazenta – eingewickelt in ein Tuch und durch die Nabelschnur noch mit ihr verbunden. Mit zwei kräftigen Wellen habe ich dieses Organ auf Zeit wenige Minuten nach der Geburt „losgelassen“. Die ganze Schwangerschaft über hat es meine Tochter mit allem versorgt, was sie für ihre Entwicklung brauchte. Es ist aus dem Nichts entstanden, gewachsen und zur existenziellen Verbindung zwischen meinem Kind und mir geworden. Ich empfinde Dankbarkeit und vielleicht sogar ein wenig Ehrfurcht vor diesem Wunder der Natur. Während ich meine drei großen Kinder im Krankenhaus geboren habe und für die Hebammen dort ganz selbstverständlich war, die Nabelschnur direkt vom Vater durchschneiden zu lassen und die erst danach geborene Plazenta unauffällig zu „entsorgen“, habe ich mir vor der Hausgeburt bei Kind Nummer 4 die Frage stellen müssen, was mit der Plazenta geschehen soll.

Für mich war klar, dass ich es dieses Mal anders machen wollte. Ich wollte die Nabelschnur auspulsieren lassen. Das ist auch bei einer spontanen Geburt im Kranken- oder Geburtshaus möglich, wenn man es kommuniziert (bei einem Kaiserschnitt nicht). Noch bis zu einer halben Stunde nach der Geburt des Kindes pulsiert die Nabelschnur und es fließt wertvolles Blut von der Plazenta zum Kind. Das hat positive gesundheitliche Aspekte und wenn es keine Komplikationen während oder nach der Geburt gab, spricht in der Regel mehr dafür, als dagegen.

  • Das Blutvolumen des Kindes steigt.
  • Die Anzahl der roten Blutkörperchen nimmt zu.
  • Das Kind erhält wertvolle Stammzellen, wodurch die Immunabwehr verbessert wird.
  • Es treten seltener Komplikationen bei der Geburt der Plazenta auf.

Die Lotusgeburt geht noch weiter

Nach dem Auspulsieren der Nabelschnur war ich bereit, diese durchtrennen zu lassen und mich von der Plazenta zu verabschieden. Während der Schwangerschaft hatte ich ein Häkelbändchen anfertigen lassen, damit hat die Hebamme die Nabelschnur abgebunden und meine große Tochter hatte die Ehre, die Nabelschnur durchtrennen zu dürfen. Ein sehr besonderer Moment für uns alle. Eine Lotusgeburt endet an dieser Stelle nicht. Denn die Nabelschnur wird dabei zu keinem Zeitpunkt aktiv abgeschnürt oder durchtrennt. Nach dem Auspulsieren der Nabelschnur wird die Plazenta gewaschen, in Tücher gewickelt und in einen Behälter gegeben, der vor Umwelteinflüssen schützt. Das kann eine spezielle Plazentatasche sein (wie auf dem Foto oben) oder ein Gefäß mit Deckel. In den kommenden Tagen wird die Plazenta dreimal täglich mit einer Mischung aus Salz, Kräutern und ätherischen Ölen eingerieben, um sie zu konservieren und eine Geruchsbildung zu verhindern. Die Nabelschnur vertrocknet nun allmählich. Während sie bei der Geburt noch so dick wie ein Daumen war, ist sie nun dünn wie ein Schnürsenkel. Nach drei bis zu zehn Tagen löst sich die Nabelschnur vom Kind und die Plazenta kann entsorgt oder anderweitig verwendet werden – viele Familien entscheiden sich dazu, sie im Garten zu vergraben, manche pflanzen einen Baum drauf.

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.