Kein Kind wird als Rassist:in geboren! Eine Aussage, die wahrlich zum Nachdenken anregt. Angesichts der noch immer kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Thema, fragt man sich dann, wann ein Mensch zum:zur Rassist:in wird. Und wo fängt Rassismus eigentlich an? Wir haben mit den beiden Autorinnen Olaolu Fajembola  und Tebogo Nimindé-Dundadengar gesprochen, die mit ihrem neuen Buch “Gib mir mal die Hautfarbe”, das im Beltz Verlag erscheint, aufklären wollen. 

NATURKIND: Frau Fajembola, Frau Nimindé-Dundadengar – Sie haben gemeinsam das Buch „Gib mir mal die Hautfarbe” – Mit Kindern über Rassismus sprechen, geschrieben, in dem sie Erwachsene ermutigen, mit Kindern über das Thema Rassismus im Alltag zu sprechen. Warum sollte jede:r, der:die mit Kindern zutun hat, dieses Buch lesen?

Das Buch eignet sich gut als Einstiegsliteratur in das große Themengebiet „Rassismus“. Insbesondere im Umgang mit Kindern ermöglicht es dieses Buch sich erstmal selbst weiterzubilden, sich zu reflektieren und auch Antworten auf vermeintlich schwere Fragen zu Rassismus zu finden.

In meiner Kindheit in dem 1990er Jahren sind Spiele wie “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?” gespielt und Bücher wie “10 kleine Ne***” vorgelesen worden. Es gab “M***köpfe” zum Naschen, ein heller Aprikot-Ton im Tuschkasten hieß “Hautfarbe” und an Fasching war Blackfacing nicht unüblich. Heute erlebe ich all das im Alltag meiner Kinder (zum Glück) nicht mehr. Ist das mein subjektives Gefühl oder haben auch Sie den Eindruck, dass die heranwachsende Generation seltener mit Rassismus in Berührung kommt, als ihre Eltern?

Ja, dieses subjektive Gefühl kann gerne aufkommen. Und es gibt viele Gründe zur Hoffnung. Kinder leben in einer viel vernetzteren Welt, sie schlemmen sich tagtäglich durch die Küchen der Welt, sehen und hören Musik und Filme mit Vorbildern, die sehr divers sind. Und auch die Sozialen Medien tun da ihr Übriges. Dennoch existiert der Rassismus natürlich weiterhin. Das zeigt sich an unserem weitestgehends unhinterfragtem Umgang mit vielen materiellen und immateriellen Gütern wie Traditionen, Werten, Moralvorstellungen, die ja weiterhin in Kinderliedern, Gendervorstellungen, Büchern oder Filmen existieren. Und noch immer werden auch Schwarze Menschen in den Medien, problematisch und einseitig abgebildet und damit rassistisches Wissen vermittelt. Nur, die nächsten Generationen erkennen den Rassismus einfach immer mehr und sind daher auch sehr viel sensibilisierter im Umgang damit. Aber uns muss klar sein, der Weg zu einer antirassistischen Welt ist weit, und es wird mehrere Generationen benötigen, die gewillt sind, diesen mühsamen Weg auch zu beschreiten.

Was sind typische Rassismusfallen, in die – trotz größerem Bewusstsein -, heute noch viele treten?

Eine der klassischen Rassismusfallen, ist die Frage nach der Herkunft: „Woher kommst du?“. Wir möchten das an dieser Stelle noch einmal ansprechen, weil für viele noch nicht ganz klar geworden ist, was an dieser harmlos erscheinenden Frage so schmerzhaft ist. Vielen Schwarzen Menschen und BiPoC, die schon lange in Deutschland leben, in 2., 3. Oder 4. Generation hier sind, und Deutschland als ihre Heimat ansehen wird diese Frage sehr regelmäßig gestellt. Zum einen wird ihnen damit immer wieder suggeriert, von hier, also aus Deutschland kannst du, so wie du aussiehst nicht kommen. Zum anderen wird sich nicht damit zufrieden gegeben, wenn die Antwort einfach „Hamburg“ lautet. Es wird so lange nachgebohrt und nach den Eltern und Großeltern gefragt, bis das Gegenüber endlich die befriedigende Antwort nach dem einen exotischen Ort erhält. Das Offen-Legen-Müssen des eigenen Stammbaums, insbesondere fremden Menschen gegenüber ist unangenehm und dahinter steckt ja nicht selten die latente Vorstellung, des Andersseins, des Nicht-Deutsch-Seins, des Fremdseins.  

Eine andere Rassismusfalle wäre das unerlaubte Ins-Haar-Fassen einer Schwarzen Person, vor allem bei Schwarzen Kindern. Es werden Fragen zur Echtheit der Haare gestellt und die Struktur kommentiert. Das ist unangemessen und übergriffig. Außerdem wir einem Schwarzen Kind in einer solchen Situation auch vermittelt, du und deine Haare sind kurios. Grundsätzlich sollten wir uns darauf einigen, andere Kinder nicht ungefragt anzufassen und ihre Körper zu kommentieren.

Apropos Haare: Meine 14-jährige Tochter hat mir vor Kurzem erzählt, dass sie sich gerne Braids flechten lassen würde. Ihre Schwarze Mitschülerin habe ihr aber erklärt, es sei rassistisch, wenn Weiße diese Frisur tragen. Ähnliches ist ihr passiert, als sie in der Schule erzählt hat, dass sie gerne Fufu isst – ein typisch afrikanisches Gericht. Dabei handle es sich um “Kulturdiebstahl” wurde ihr erklärt. Ist es nicht etwas Positives, wenn Kinder über den Tellerrand blicken und in andere Kulturen eintauchen, sich austauschen und auch Traditionen ausprobieren, die sie von zu Hause nicht kennen? Wo ist die Grenze – wann wird (kindliche) Neugier zu Rassismus?

Kinder, insbesondere Kleinkinder erlernen ja erstmal durch das Beobachten und Nachahmen die Funktionsweise dieser Welt. Sie nehmen Unterschiedlichkeit wertefrei im familiären Kontext wahr. Diese Welt in ihrer Vielfalt begegnen sie zunächst mit kindlicher Neugierde. Durch die Beobachtung der Bezugspersonen und ihrer Welt lernen sie viel über Rassismus und gesellschaftliche Strukturen kennen. Wie verhalten wir uns gegenüber Schwarzen Menschen, gegenüber Frauen mit Hijab. Sind sie Teil unserer Welt oder nur fiktive Mitmenschen. Durch die Unsichtbarkeit bzw. einseitige Abbildung bestimmter Menschen in den Lebenswelten der Kinder, sei es in den Büchern bzw. in den Medien, die Kinder konsumieren, lernen sie wer zu ihrer Norm dazugehört, und wer eben kurios oder negativ bewertet wird. Durch diese einseitige bzw. eingeschränkte Perspektive wandelt sich diese Neugierde in rassistisches Wissen, dass eben nicht mehr wertefrei ist, sondern schon rassistisch gefärbt. Denn Kinder sind nicht farbignorant, sie sehen durchaus Unterschiede und lernen von uns welchen Wert wir Menschen geben, ob wir sie auf- bzw. abwerten. 

Wie kann man mit Menschen im eigenen Umfeld umgehen, die Alltagsrassismus verharmlosen? Ich denke da etwa an den Großvater, der darauf besteht, vor seinen Enkelkindern “Ne***” zu sagen und es damit begründet, dass sich Schwarze Menschen untereinander doch auch mit “Ni***” ansprechen würden. 

Diese Frage kann nicht für alle Menschen und Situationen beantwortet werden. Insgesamt muss aber gesagt werden, der Schutz der Kinder ist höchste Priorität. Und damit liegt die Aufgabe diese Kinder zu schützen, bei allen beteiligten Erwachsenen. Aber natürlich benötigt dieser geliebte Großvater evtl. eine dringend nötige Ansage bezüglich seiner Ignoranz und seiner rassistischen Sprache und noch mehr bedarf es einer aktiven Einmischung und Abwehr von allen erwachsenen Beteiligten, damit der Opa lernt, dass der Verweis auf Schwarze Menschen zur Legitimierung von rassistischer Sprache ein NO-GO ist, und seine Sprache gewaltvoll ist. 

Wie sieht Ihre ideale Vorstellung von der Zukunft der Gesellschaft aus?

Eine ideale Zukunft in diesen Zeiten wäre eine Zukunft ohne all die vielen Formen der Gewalt in unserer Welt. Ein Deutschland, das auf Empathie und Menschlichkeit fusst, antirassistisch ist und ihre Stärke in Vielfalt anerkennt. Und ein Ende der Pandemie. 

Vielen Dank für Ihre Offenheit! Dieses Interview führte Rebecca Schwab.

BELTZ Verlag
ISBN: 3407866895

247 Seiten
17 Euro (DE)

Das Buch

In meiner Familie hat Rassismus keinen Platz – darin sind sich fast alle Eltern einig. Doch vielen fällt es schwer, Vorurteile in der Erziehung anzugehen. Offen, persönlich und durchaus verständnisvoll für Rassismusfallen im Alltag zeigen Olaolu Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar, was zählt, um Rassismen im Kopf von Kindern gar nicht erst entstehen zu lassen. Zugleich stärken sie Eltern von Kindern of Color, die unter Diskriminierung leiden.

Viele Hintergrundinformationen und Checklisten unterstützen Eltern, aktiv gegen Rassismus im Alltag von Kindern vorzugehen. Welche Worte und Sätze verletzen? Welche Symbolik versteckt sich in Kinderliedern, Büchern und Spielen? Die angeborene Neugierde und der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn unserer Kinder sind dabei die perfekte Voraussetzung, ihnen zu zeigen, dass zwar nicht alle Kinder gleich, aber alle gleichwertig sind.

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Die Autorinnen

Olaolu Fajembola wurde 1980 in Süddeutschland geboren. Sie ist Kulturwissenschaftlerin, arbeitete bei der Berlinale und gründete zusammen mit Tebogo Nimindé-Dundadengar den erfolgreichen Onlineshop Tebalou, der Spielwaren für Kinder in einer diversen Gesellschaft anbietet. 2019 wurde die beiden mit dem Kreativpiloten-Preis der Bundesregerung ausgezeichnet. Außerdem sind sie wichtige Stimmen in der diversitätssensiblen und rassismuskritischen frühkindlichen Bildung; beide bieten Anti-Rassismus-Trainings für Kinder und Erwachsene an, die besonders in Kitas starke Nachfrage erfahren. 2016 erschien Olaolu Fajembolas erstes Buch »Afro Kids«. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

Tebogo Nimindé-Dundadengar wurde 1981 in Norddeutschland geboren.Sie ist Psychologin mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie und gründete zusammen mit Olaolu Fajembola den erfolgreichen Onlineshop Tebalou, der Spielwaren für Kinder in einer diversen Gesellschaft anbietet. 2019 wurde die beiden mit dem Kreativpiloten-Preis der Bundesregerung ausgezeichnet. Außerdem sind sie wichtige Stimmen in der diversitätssensiblen und rassismuskritischen frühkindlichen Bildung; beide bieten Anti-Rassismus-Trainings für Kinder und Erwachsene an, die besonders in Kitas starke Nachfrage erfahren. Mit ihrer Familie lebt Tebogo Nimindé-Dundadengar in Berlin.