Indianer rassistisch
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Darum ist „Indianer“ spielen rassistisch

„Da habt ihr aber einen tollen Unterschlupf gebaut“, lobe ich eine Gruppe spielender Kinder im Wald. „Das ist ein Tipi – wir sind nämlich Indianer“, antwortet ein Junge stolz und die Kinder beginnen einstimmig ein vermeintliches „Indianergeheul“. Autsch. Auch 2022 verhalten und äußern sich noch immer viele Menschen rassistisch. Die Kleinen lernen es von den Großen, die sich ihrer Verantwortung scheinbar nicht immer bewusst sind.

In den letzten Jahren ist das Thema Alltagsrassismus in der öffentlichen Diskussion durchgehend aktuell und das ist gut so. Zahlreiche Medien leisten inzwischen Aufklärungsarbeit und geben Betroffenen eine Stimme. Auch Politiker:innen, Prominente und einige Marken setzen sich für Gleichberechtigung und gegen Rassismus ein. Im vergangenen Jahr durften wir ein Interview mit den beiden Autorinnen Olaolu Fajembola  und Tebogo Nimindé-Dundadengar zum Thema „Mit Kindern über Rassismus sprechen“ führen. Ihr Buch „Gib mir mal die Hautfarbe“, ist ein Spiegel-Bestseller geworden – was zeigt, dass sich immer mehr Eltern, Erzieher:innen und Lehrer:innen damit auseinandersetzen, wie sie Kindern ein gutes Vorbild sein und sie für das Thema Rassismus sensibilisieren können. Doch dann gibt es auch noch immer eine Vielzahl Erwachsener, die das Thema nicht ernst genug nehmen. Weil es sie selbst nicht betrifft. Weil man dieses und jenes schon immer so gemacht oder gesagt hat. Doch Zeiten ändern sich. Zum Glück.

Früher ein gewohnter Anblick

Früher gab es beim Kinderfasching immer einige Kinder, die sich als „Indianer“ verkleidet haben. Mit braunen Gewändern, rötlich geschminkten Gesichtern und „Kriegsbemalung“, schwarzen Perücken und Federschmuck auf dem Kopf. Typische Accessoires wie Friedenspfeife, Beil oder Pfeil und Bogen haben die Verkleidung ergänzt. Und auch unabhängig von der „fünften Jahreszeit“ waren Spiele wie „Cowboy und Indianer“ früher bei vielen Kindern beliebt und von Erwachsenen toleriert. Darüber, dass sowohl die Verkleidung, als auch das Spiel und schon das bloße Aussprechen dieser antiquierten Bezeichnung rassistisch ist, hat sich kaum jemand Gedanken gemacht. Heute weiß man es besser. Einige Kitas und Schulen bitten in Rundschreiben inzwischen, auf Kostüme dieser Art zu verzichten. Doch auch wenn das Thema in vielen Köpfen bereits verankert ist, bestätigen noch immer Ausnahmen die (neue) Regel.

Ein Begriff aus der Kolonialzeit

Der Begriff „Indianer“ stammt aus der Kolonialzeit und gilt als Sammelbegriff für mehr als 500 unterschiedliche ethnische Gruppen, die bereits in Amerika gelebt haben, bevor der Kontinent von Europäer:innen besiedelt worden ist. Gruppen, die unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen haben. Man geht davon aus, dass dieser Begriff durch Christopher Kolumbus geprägt worden ist, der eigentlich nach Indien schippern wollte, dann jedoch in Amerika an Land gegangen ist. Die Ureinwohner:innen wurden von den Neuankömmlingen als barbarisch, wild und unzivilisiert betrachtet. Sie wurden lange Zeit gejagt, versklavt, vorgeführt und ermordet. Mit Waffengewalt hat man ihnen ihre Heimat geraubt. Kinder wurden ihren Familien entrissen und in Internate geschickt, wo es ihnen verboten war, in ihrer Muttersprache zu sprechen – noch bis in die 1970er Jahre. Die Liste der Gräueltaten ist lang. Und der Bezeichnung „Indianer“ erinnert bis heute daran.

Eine Verkleidung kann man ablegen

Viel schlimmer noch, als die Bezeichnung ist jedoch die Verkleidung und das Spiel. Kinder verstehen die Hintergründe noch nicht und deshalb sind Erwachsene gefragt, ihnen diese kindgerecht zu erklären. Das Thema Rassismus kann bereits im frühen Kindergartenalter besprochen werden – so lernt die nächste Generation von Klein auf, dass das eigene Verhalten andere Menschen verletzen kann und achtet im besten Fall ein Leben lang darauf.

In DIESEM BEITRAG spricht „echter“ Indigener: „Ich finde eure Indianer-Kostüme nicht witzig.“

Sich als Mitglied eines indigenen Volks zu verkleiden, ist rassistisch. Es zieht eine fremde Kultur ins Lächerliche und kann Menschen, die tatsächlich einem indigenen Volk angehören zutiefst verletzen. Sich auf Kosten anderer zu amüsieren ist nichts, was wir unseren Kindern beibringen sollten.

In DIESEM BEITRAG kommt die Vorsitzende des Vereins Native American Association of Germany zu Wort: „Diese Verkleidungen sind verletzend. Es ist traurig, dass so wenige das verstehen.“

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Kommentare anzeigen (2)
  1. Wenn etwas rassistisch ist, dann die Bezeichnung „Amerikanische Ureinwohner“. „Amerika“ ist ein Begriff, welche die Völkermörder dem Neuen Kontinenten vergeben haben. „Indianer“ bedeutet nichts anderes als „Bewohner von Indien“. „Indien“ ist 1492 nicht nur die Halbinsel im gleichnamigen Ozean, sondern der ganze östliche Teil Asiens. Die Natives kamen ursprünglich aus Asien zum heutigen „Amerika“.

    1. Hallo Herr Vögeli,

      besten Dank für Ihren Kommentar. Die Bezeichnung „Native American“ gilt in den USA seit vielen Jahren als politisch korrekt und wird mit „Amerikanische Ureinwohner:innen“ ins Deutsche übersetzt. Als alternative Begriffe gelten „First Nations“ oder „Indigene“. Auch diese Begriffe sind nichts weiter als Sammelbezeichnungen für unterschiedliche ethnische Gruppen (so wie Europäer:innen ein Sammelbegriff ist). Mit dem Unterschied, dass diese Begriffe nicht an die Verbrechen der Kolonialzeit erinnern.

      Wie in diesem Beitrag ausdrücklich beschrieben, geht es aber gar nicht in erster Linie darum, das Wort „Indianer“ aus dem deutschen Sprachgebrauch zu streichen. Sondern vor allem darum, stereotype Vorstellungen (welche der Vielfalt der indigenen Nationen Nordamerikas nicht gerecht werden) nicht an die nächste Generation weiterzugeben. Gängigen Klischeevorstellungen werden auch beim typischen Kinderspiel und Kostümierungen gefördert und können für andere Menschen verletzend sein.

      Da Sie sich (so entnehme ich es Ihrem Kommentar) bereits tiefergehend mit dem Thema und der Geschichte auseinandergesetzt haben, gehe ich aber davon aus, dass Ihnen das bewusst ist und Sie ebenfalls dafür sind, Kindern Zugang zu Wissen zu ermöglichen und Vielfalt aufzuzeigen.

      Viele Grüße
      Rebecca Sommer

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