Den ganzen Tag unter freiem Himmel spielen, toben und die Natur entdecken – egal, ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit: Das Konzept des Waldkindergartens ist ein besonderes. Wir haben die Hamburger „Wurzelwichte“ einen Vormittag lang begleitet… 

Komm mal mit, da vorne steht ein toller Kletterbaum“, sagt Marlene zu ihrer Freundin und rennt los. Im Nu hat die Fünfjährige den ersten Ast erklommen. „Ich kann richtig gut balancieren“, meint nun die vierjährige Alva und demonstriert ihr Können direkt auf einem umgekippten Baumstamm. Ein paar Meter weiter spielen drei Buben Jäger auf Bärenjagt. „Peng, peng“, ruft der kleine Otto und zielt mit einem großen Stock auf einen imaginären Bären, den nicht nur er sehen kann: Seine Kumpels jubeln, das Tier ist erlegt. Zur gleichen Zeit üben die Vorschulkinder in einer kleinen Gruppe das Zählen und legen mit Steinen, Ästen und Eicheln Zahlen auf die Erde.  

Im Waldkindergarten „Wurzelwichte“ im Norden Hamburgs ist immer eine Menge los

„Die Kinder dürfen den Tagesablauf mitbestimmen“, sagt Erzieherin Tina Baltin. „Wir haben aber auch feste Rituale, wie unseren Morgenkreis.“ Die 50-Jährige arbeitet ihr halbes Leben schon als Erzieherin und hat über die Jahre Erfahrungen sowohl in konventionellen Kindergärten als auch in Waldkindergärten gesammelt. „Im Waldkindergarten sind die Kinder seltener krank. Ich habe auch noch nie einen Fall von Läusen miterlebt“, sagt sie. Zudem seien die Kinder grundsätzlich ausgeglichener, was ihr die Eltern der Drei- bis Sechsjährigen regelmäßig bestätigen könnten.  

Das eingezäunte Grundstück des Waldkindergartens liegt direkt am Waldrand. Strom oder fließendes Wasser gibt es hier nicht. Für das kleine und große Geschäft steht auf dem Gelände ein mobiles Toilettenhäuschen. „Für unterwegs haben wir Waldtöpfchen“, sagt Erzieher Jonas Kuck. „Das sind normale Töpfchen, die wir unten aufgeschnitten haben.“  

Gruppenraum unter freiem Himmel

Mindestens dreimal pro Woche geht die Gruppe, die aus maximal 25 Kindern besteht, in den Wald. Dort dürfen die Kleinen nach Herzenslust toben, klettern und die Natur entdecken. Klassische Spielsachen gibt es im Wald nicht. „An manchen Tagen nehmen wir Sägen, Schnitzmesser oder Käscher mit“, erklärt Jonas Kuck. Den Umgang mit Werkzeug lernen die Kinder unter fachmännischer Anleitung. Einmal pro Woche machen die „Wurzelwichte einen Ausflug. „Dabei übernehmen die Großen Verantwortung für die Kleinen“, erklärt Tina Baltin: „Sie müssen ihre Schützlinge an die Hand nehmen und im Bus dafür sorgen, dass sie einen Sitzplatz bekommen.“  

Bei jedem Wetter draußen

Neben sozialer Kompetenz möchte das Konzept Waldkindergarten die Kreativität und motorischen Fähigkeiten von Kindern fördern. Rund 1500 solcher Einrichtungen gibt es in Deutschland. Ob Sonnenschein, Regen oder Schnee: die Kinder sind bei jedem Wetter draußen – den ganzen Kindergartentag lang. Im Waldkindergarten „Wurzelwichte“ dauert dieser von acht bis 15 Uhr. Das warme Mittagessen wird von einem regionalen Bio-Lieferservice gebracht und auch das wird draußen gegessen. Wie die meisten Waldkindergärten nennen auch die „Wurzelwichte“ einen ausgebauten Baucontainer ihr Eigen. Doch darin hält sich die Gruppe nur im äußersten Notfall auf. „Neulich hat uns ein Wespenschwarm beim Essen nicht in Ruhe gelassen, deshalb sind wir kurz reingegangen“, erinnert sich Tina Baltin: „In solchen Situationen müssen die Kinder aber besonders leise sein, denn auf so beengtem Raum wird es sonst schnell ungemütlich. Meist wollen sie deshalb schnell wieder raus.“  

Natur hautnah erleben

Auf dem Kindergarten-Grundstück werden Pflanzen angebaut, wird gewerkelt, mit Wasser experimentiert, gebastelt und gemalt. Langweilig wird es hier nie. Vieles lernen die kleinen Entdecker ganz automatisch: Sie erleben den Verlauf der Jahreszeiten hautnah mit und kennen schon früh viele heimische Baum-, Pflanzen- und Tierarten. Auf die Schule bereiten sie sich spielerisch vor. Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder stehen stets im Vordergrund. 

Die Nachfrage nach diesem alternativen Betreuungsangebot ist groß und die Wartelisten sind in vielen Regionen lang. Aus Erfahrung rät Tina Baltin: „Wer einen Platz für sein dreijähriges Kind bekommen möchte, sollte es bereits kurz nach der Geburt anmelden.“