Seit der Begriff „Attachment Parenting“ in sozialen Medien floriert und Influencer, wie Model Sarah Kulka, Bilder aus dem Familienbett, mit Baby an der Brust oder im Tragetuch posten, sprechen viele von einem „Trend“. Dabei ist der bedürfnisorientierte Erziehungsansatz viel mehr als das – findet Autorin Silke R. Plagge…

Liebevolle Geborgenheit – genau das möchten Eltern ihrem Neugeborenem instinktiv geben. Doch schon vor der Geburt sind viele Schwangere kaum noch „guter Hoffnung“, sondern voller Sorge und Verunsicherung. Einfach aus dem Bauch heraus alles richtig machen? Schwierig. Die Hebamme, die eigenen Eltern, die Freundinnen: alle erklären, was nun am Besten ist. Hinzu kommen Ratgeberbücher, Elternblogs und Zeitschriften, die oftmals widersprüchliche Informationen teilen.

Was bedeutet Attachment Parenting eigentlich?

Einer der Begriffe, auf den Mütter und Väter früher oder später stoßen ist: Attachment Parenting, kurz AP. Längst scheint AP ein Modebegriff zu sein. Aber wofür steht er eigentlich? Attachment bedeutet so viel wie Bindung. Große Nähe durch langes Stillen, tragen und schlafen im Familienbett werden genau wie ein bedürfnisorientierter Umgang damit verbunden.

Die Geschichte dahinter

Geprägt hat den Begriff der nicht unumstrittene amerikanische Kinderarzt Dr. William Sears. Er hat sich bereits in dem 1980er Jahren intensiv mit anspruchsvollen Babys befasst und ist zu der Erkenntnis gekommen, dass die Betreuungsstile westlicher Industrienationen nicht auf die angeborenen Grundbedürfnisse der Kleinsten eingehen. Auch wenn es den nähebetonten, bindungsorientierten Betreuungsstil, den Sears beschreibt, schon viel früher gab – die Idee des „Attachment Parenting“ ist unzweifelhaft mit seinem „Erfinder“ verknüpft. [Textflussumbruch]Ganz unproblematisch ist das nicht. Denn: So sympathisch und kinderlieb Sears sich öffentlich präsentiert und inszeniert, er ist nicht einfach nur der nette Kinderarzt von nebenan. Sears hat seine „Attachment Parenting“-Philosophie unter anderem auf der Grundlage des Menschenbilds fundamentalistisch-evangelikaler Christen entwickelt. Vor diesem Hintergrund lehnen viele den Begriff bewusst ab. Auch wenn einige seiner Theorien (etwa Auszeiten) fragwürdig sind und er für ein sehr konservatives Familienbild steht: Sears hat mit seinen Veröffentlichungen eine Bewegung ins Leben gerufen, die auch ihre guten Seiten hat.

Der Begriff in Deutschland

Nach Deutschland kam der Begriff Attachment Parenting vor rund zehn Jahren. Eine der ersten Journalistinnen und Autorinnen, die das Modell der bedürfnisorientierten Elternschaft verbreitet haben, ist Nora Imlau. Sie erklärt in einem Interview mit der Onlineplattform Edition F, dass sie den Begriff Attachment Parenting in ihren Publikationen anfangs vermied, da es ihr nicht um den Kinderarzt Sears, sondern um die Kernaussage ging: Ein bindungsorientiertes Familienleben. Autorinnen wie Julia Dibbern, Nicole Schmidt und Susanne Mirau stehen für eine Erweiterung des Begriffes, sie definieren ihn als „geborgen“, „liebevoll“, „bedürfnisorientiert“, „bindungsfreundlich“ oder „artgerecht“.

Was macht diesen Erziehungsstil aus?

Eine starke Ablehnung von Schlaflernprogrammen, eine enge Bindung an die Eltern oder Bezugspersonen – das ist wichtig. Viele verbinden mit einer bedürfnisorientierten Erziehung jedoch eine unbedingte Ausrichtung des kompletten Alltags an den Bedürfnissen des Kindes – und setzen sich damit selbst unter Druck. „Mittlerweile ist der AP-Begriff in Deutschland so verwässert worden, dass viele unter AP etwas verstehen, das überhaupt nichts mehr mit dem Ur-Gedanken zu tun hat, sodass ich mich frage, wie hilfreich der Begriff noch ist,“ erklärt Nora Imlau.

In ihrem Blog „Geborgen wachsen“ erklärt Susanne Mirau: „Bedürfnisse eines Kindes sind nicht seine Wünsche. Ein zweijähriges Kind mag vielleicht nicht gern Zähneputzen. Aber deswegen können die Eltern nicht erklären, dass es da kein Bedürfnis habe und das Gebiss ungeputzt lassen! Bindungsorientiert bedeutet das Wahrnehmen und Reagieren auf kindliche Signale und Bedürfnisse – nicht aber, dass nicht durchaus Grenzen gesetzt werden müssen.“ Sie erklärt weiter, dass weder das Stillen, noch das Familienbett für alle die ideale Lösung seien: „Es gibt viele Wege, respektvoll mit dem Kind umzugehen. Aber: keiner dieser Wege ist ein Muss.“

Auch Mütter haben Bedürfnisse

Das Kind über alles zu stellen? Auch das scheint gerade für Mütter eine Konsequenz des Attachment Parenting zu sein. „Ich kann nicht essen, das Baby weint dann“, solche Sätze und der Anspruch stets in jeder Sekunde alles „richtig“ zu machen, führt schnell zur Überforderung und kann sogar die Gesundheit junger Mütter gefährden. Das beobachtet auch Nora Imlau: „Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet, feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kinder zu achten. Und auf die eigenen. Menschen brauchen es, in ihren Bedürfnissen gesehen und ernst genommen zu werden. Egal, ob sie vier Monate oder 34 Jahre alt sind.“

Und genau das ist etwas ganz Normales und natürlich, findet der deutsche Kinderarzt Dr. Renz-Polster: „So geht man doch mit Kindern um. So geht eben das Leben als Familie: sich etwas bedeuten, auf den Anderen eingehen, seine Bedürfnisse ernst nehmen, ihn nicht in Not bringen oder sich über seine Bedürfnisse hinwegsetzen.“
Einen Namen muss es dafür gar nicht geben und auch keine dogmatische Methode. Jede Familie sollte sich suchen, was sich für sie gut anfühlt. Ein individuelles Maß an Nähe und Geborgenheit. Wer sich geborgen und angenommen fühlt, wird selbstsicher die Welt erkunden. Wer Wurzeln bekommen hat, darf auch Flügen wachsen lassen und sich von den Eltern lösen.

Dieser Artikel stammt aus der Naturkind Magazin Printausgabe Nr. 1.