Gut Wulksfelde
BILDER: © Rebecca Sommer

Tolle Knolle: Zur Kartoffelernte auf dem Bio-Bauernhof

Wer keinen eigenen Garten zur Selbstversorgung hat, kann sein Obst und Gemüse guten Gewissens von einem regionalen Bio-Bauernhof beziehen. Hier werden Tier und Umwelt geschont und meist faire Löhne gezahlt. Wir haben eine Öko-Landwirtin aus Schleswig-Holstein bei der Kartoffelernte begleitet.

Als wir Öko-Landwirtin Güde Martensen am Nachmittag auf dem Gut Wulksfelde bei Hamburg treffen, ist sie bereits seit acht Stunden bei der Arbeit und ein Ende noch nicht in Sicht. Sie ist von Kopf bis Fuß von trockener Erde eingestaubt. „Ich brauche einen schnellen Kaffee auf die Hand“, begrüßt sie uns und nach einem kurzen Zwischenstopp im Hofladen muss es weitergehen.

Die Zeit der Kartoffelernte ist für alle Angestellten, Auszubildenden und Helfer:innen eine stressige. Nach dem heißen Sommer in diesem Jahr zudem eine staubige Angelegenheit: Mit Schutzbrillen und Kapuzen stehen die Erntehelfer:innen in luftiger Höhe auf einer laut dröhnenden Vollerntemaschine und sortieren von Hand Pflanzenreste, Unkraut, Steine, Erdklumpen und verfaulte Kartoffeln aus. All das holt die Erntemaschine aus dem Boden. Bahn für Bahn wird das riesige Gefährt von einem Traktor über den Acker gezogen. Knolle für Knolle rollt über ein Förderband, vorbei an den kritischen Blicken der Arbeiter:innen und – wenn sie diesen standhalten – in einen Auffangbehälter. Das unliebsame Beiwerk landet in einem separaten Fach und wird später abtransportiert.

Erntezeit ab Mitte August

In diesem Jahr konnte das sechsköpfige Team um Güde Martensen bereits Mitte August mit der Kartoffelernte beginnen. Bis Ende September sollen die insgesamt rund 40 Hektar gerodet sein. In manchen Jahren endet die Erntezeit erst im Oktober. „Ja, es ist ein anstrengender Job“, gibt die 41-Jährige zu. Doch sie habe ihn bewusst ausgesucht und auch nach 13 Jahren noch Spaß daran. Güde Martensen hat zunächst eine Ausbildung gemacht und dann den Studiengang „Ökologischer Landbau“ abgeschlossen.

Kartoffelernte Bauernhof Erntemaschine

Zwei Azubis arbeiten aktuell bei der Öko-Landwirtin. Thies Stolle (19) und Anica Hauptmann (20), beide im zweiten Lehrjahr, haben zunächst Abitur gemacht. Thies, der auf einem konventionellen Hof aufgewachsen ist, wollte sich der steigenden Nachfrage nach Bioprodukten nicht verschließen und deshalb einen Einblick in die ökologische Landwirtschaft gewinnen. „Die Umstellung kann letztlich sogar wirtschaftlicher sein“, erklärt er pragmatisch. Eine emotionale Entscheidung war die Berufswahl für seine Kollegin Anica. Die überzeugte Vegetarierin sieht vor allem im Bereich der ökologischen Tierhaltung große Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. Doch auch der ökologische Obst- und Gemüseanbau sei umweltfreundlicher und nachhaltiger. „Außerdem schmeckt man den Unterschied“, sagt die 20-Jährige. „Ein Ausbildungsbetrieb zu sein, ist uns wichtig. Anwärter:innen zu finden allerdings nicht leicht“, sagt Güde Martensen. Durch moderne Technologien seien einige Berufsbilder rund um die Landwirtschaft inzwischen Geschichte. Gleichzeitig seien jene, die geblieben sind anspruchsvoller und spezialisierter.

Gut Wulksfelde Hamburg Kartoffeln

Der Nachwuchsmangel ist spürbar

In einer Branche, in der ein Nachwuchsmangel spürbar ist, sucht man nach Gründen und nach Lösungswegen. Um Kindern und Jugendlichen ein Gefühl für die Landwirtschaft zu geben, lädt das Gut jedes Jahr Familien, Kindergartengruppen und Schulklassen zum „Kartoffelbuddeln“ ein. Jede:r die:der Lust hat, darf vorbeikommen und auf dem Acker selbst Kartoffeln ernten. Nicht mit großen Maschinen, wie heute üblich, sondern traditionell und wie zu Zeiten der Urgroßeltern: von Hand. Einen schönen Nebeneffekt beobachtet Güde Martensen bei der Selbsternte: „Die Besucher:innen lernen dadurch einen anderen Umgang mit Lebensmitteln. Viele schätzen die Produkte viel mehr wert, wenn sie erfahren haben, welche Arbeit dahinter steckt“.

Gut Wulksfelde Kartoffelernte

Kartoffeln einzulagern ist gar nicht so einfach

Auf dem Acker hat die Vollerntemaschine inzwischen Halt gemacht. Die vorsortierten Kartoffeln werden jetzt auf einen Hänger verladen. Später auf dem Hof werden die Kartoffeln ein weiteres Mal sortiert – diesmal vor allem nach ihrer Größe. Die Kartoffeln, die nicht direkt in den Verkauf gehen, werden professionell eingelagert. Hierfür gibt es auf dem Gut Wulkswelde einen Kühlraum, in dem es trocken und dunkel ist und das Thermometer immer um die fünf Grad Celsius anzeigt. Auf diese Weise können die Kartoffeln etwa zehn Monate lang angeboten werden. „Kartoffeln zu Hause selbst einzulagern, ist gar nicht so einfach“, sagt Güde Martensen: „Viele Menschen haben keinen Keller mehr und viele Keller erfüllen nicht die hohen Ansprüche, die Kartoffeln an ihren Lagerort stellen.“

Pflanzung startet im April

Ähnlich anspruchsvoll sind Kartoffeln bereits bei der Pflanzung im April und Mai. Der Boden muss zur Vorbereitung zunächst gepflügt und ordentlich gedüngt werden. Bei der ökologischen Landwirtschaft kommt hierfür vor allem Rindergülle zum Einsatz, der mit Düngemaschinen auf die Äcker gebracht und direkt unter die Erde gemengt wird. Sind die Kartoffeln mit Hilfe einer Legemaschine gepflanzt, brauchen sie neben Aufmerksamkeit und Pflege sehr viel Wasser. In Dürrejahren wie 2018 müssen die Äcker zusätzlich zu den natürlichen Niederschlägen maschinell beregnet werden. Ist ein Kartoffelfeld im Herbst abgeerntet, werden darauf die nächsten vierJahre lang keine Kartoffeln mehr angebaut. „Eine Monokultur ist im ökologischen Landbau nicht möglich“, sagt Güde Martensen. Bei Kartoffeln im Speziellen sei die Gefahr zu groß, dass die Pflanzen krank, etwa von Pilzen befallen würden. In den Jahren dazwischen liegen die Flächen jedoch nicht brach. Darauf werden andere Pflanzen, etwa Roggen angebaut.

Öko Landwirtin
Güde Martensen – Öko-Landwirtin auf dem Gut Wulksfelde

Landwirtschaft im Wandel

Den Wandel der Landwirtschaft kann man auf dem Gut Wulksfelde gut erkennt. Die Ländereien gehören zu einem großen Teil der Stadt Hamburg und werden an mehrere Unternehmen verpachtet. Rund 150 Mitarbeiter:innen sind hier beschäftigt. „Den klassischen Familienbetrieb findet man immer seltener“, sagt Güde Martensen. „Die Betriebe werden immer größer und beschäftigen immer mehr Personal.“ Dass nach Plänen der Regierung in Deutschland bis 2030 rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Ökoflächen umgewandelt werden sollen, begrüßt die Öko-Landwirtin. „Die Nachfrage nach Bioprodukten ist inzwischen so groß, dass wir sie mit deutschen Produkten kaum mehr decken können“, sagt sie. Der Import von Bioprodukten aus dem EU-Ausland würde zwar keinen Qualitätsverlust mit sich bringen, da sich alle an strenge Richtlinien halten müssen, jedoch würden längere Lieferwege gleichzeitig eine höhere Belastung für das Klima bedeuten. „Immer mehr Verbraucher greifen gezielt zu regionalen Bioprodukten“, sagt Güde Martensen. „Und das ist gut so.“

Rebecca Sommer

Rebecca Sommer hat nach ihrem Studium ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert und war als Redakteurin und Buchautorin für diverse Verlage und Medien tätig. Heute arbeitet die vierfache Mutter als Geschäftsführerin der nachhaltigen Werbeagentur between und leitet das Projekt Naturkind. Mit ihrer Familie lebt die 34-Jährige in Hamburg.