Am Hamburger Elbhang, vom Anleger Teufelsbrück zum Anleger Blankenese geht Musiker Rolf Zuckowski am liebsten spazieren. Er liebt die Elbe mit Ebbe und Flut und dem Schiffsverkehr. Er mag die traditionelle Bebauung des Elbhangs mit den schönen Gärten und alten Bäumen und dem Weitblick, vor allem Richtung Westen, wo man die Nordsee erahnen kann. 

Du bist in der Großstadt Hamburg aufgewachsen. Wie hast du als Kind Naturerfahrungen gesammelt?
Der Hamburger Stadtpark, der nur 15 Minuten zu Fuß von unserem Zuhause entfernt lag, war unsere liebste Spielwelt. Dort haben wir viele Möglichkeiten gefunden, uns zu verstecken, vor allem in den großen Rothodendron-Hecken. Es gab auch jede Menge Klettermöglichkeiten in den Bäumen, eine endlos erscheinende große Wiese, einen wundervollen Spielplatz und den Stadtparksee mit einem Naturbad und Tretbootsverleih.

Der Radius, in dem Kinder eigenständig solche Abenteuer erleben dürfen, ist mitunter durch die Ängste ihrer Eltern in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden. Kannst du diese Ängste nachvollziehen?
Kinder sollen sich erproben, ihre Talente, Kräfte und Grenzen kennenlernen. Dazu gehört auch mal ein Kratzer oder eine Beule. Ich kann aber verstehen, dass Eltern ängstlich sind und ihre Kinder vor größeren Schäden bewahren möchten. Da hat wohl jeder sein Naturell. Unser jüngstes Enkelkind ist ein richtiger Klettermaxe. Ich musste mich anfangs sehr zurückhalten, ihn von etwas gewagterer Kletterei abzuhalten, inzwischen traue ich ihm viel mehr zu und bisher ging es zum Glück immer gut.

Aktuell ist ein weiterer Grund, warum Kinder in vielen Aktivitäten eingeschränkt sind, die Corona-Krise. Davon betroffen sind auch Musik-Vereine. Auf der Seite Chorona-Ideen.de bietest du der Chor-Szene eine Plattform zum Erfahrungsaustausch. Welche kreativen Ideen haben dich besonders begeistert?
Ich fand die Idee des Kinder- und Jugendchors aus Lohmar besonders beeindruckend, die Kinder singend und malend in eine Musical-Geschichte einzubringen, die dann als Video gedreht und am vierten Advent anstelle des traditionellen Weihnachtskonzertes in alle Familien des Chors gestreamt wurde. Mehrere Chöre haben im Split-Screen-Modus wunderbare Zeichen des ungebrochenen Gemeinschaftsgefühls ausgesendet.

Initiator dieser Plattform ist die Stiftung „Kinder brauchen Musik“, die du 2004 gemeinsam mit deiner Frau Monika ins Leben gerufen hast. Warum brauchen Kinder Musik?
Aktives Singen und Musizieren lässt die Kinder ihre eigene Seele spüren und damit auch die in den anderen Menschen erahnen. So erlebte Musik öffnet den Kindern immer neue Türen in eine grenzenlose Welt, die sie weitgehend selbst gestalten können und in der man immer weiter wachsen kann. Für die Gemeinschaft der Kinder und das Leben in der Familie ist ein aktives Musikleben ein Segen, vor allem ein wertvoller Ausgleich zu unserer weitgehend digitalen Informations- und Unterhaltungswelt.

Wie können Familien Musik zu Hause in ihren Alltag integrieren?
Indem sie zunächst kleine musikalische Impulse aufnehmen und schätzen lernen. Das kann das eigene Singen mit den Kindern sein, das Ausprobieren von Instrumenten und das Rollenspiel aus Liedern heraus, wie etwa mit meiner „Vogelhochzeit“. Auch bei der Hausarbeit kann gesungen werden, wir tun das gern in der Küche. Die „Weihnachtsbäckerei“ muss nicht das einzige Lied dafür bleiben. Wenn dabei die Lust auf mehr entsteht, müssen wohl andere Beschäftigungen zurück gestellt werden. Diese Gewichtung kann nur gemeinsam gefunden werden, es lohnt sich.

Kann Musik Kindern auch in herausfordernde Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, helfen?
Ich denke, dass gerade in schwierigen Zeiten mit großen Verunsicherungen viel Halt in Musik gefunden werden kann. Vor allem in vertrauten Liedern, die etwas von Beständigkeit ausstrahlen. Gemeinsames Singen tut gut, auch zwischen den Generationen, wenn es nicht anders geht, auch am Telefon oder mit Skype, Zoom und Co.Sich etwas Eigenes, etwa eigene Liedtexte, ausdenken, steigert das Erlebnisgefühl und schafft Erinnerungen, die später ihren Wert zeigen werden.

Wie erlebst du als Künstler und als Familienmensch diese Zeit?
Wir sind im Familienkreis bisher zum Glück gesund geblieben und treffen uns im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten. Die Vorsicht bei körperlicher Nähe, wie Umarmung und Küsschen geben geht auf die Dauer an die Substanz, darum haben wir uns vor Familienanlässen testen lassen. Mein Optimismus liegt wohl in meinem Naturell und wurde mit in der Nachkriegszeit von den Eltern und Großeltern eingegeben. Dazu ist ein durch christliche Gedanken gewachsenes Gottvertrauen gekommen. Meinen Halt finde ich nicht zuletzt in der gegenseitigen Ermutigung innerhalb der Familie und des Freundeskreises. 

Während des ersten Lockdowns im März 2020 hast du begonnen, deine „Liedergeschichten aus dem Dachstübchen“ bei Instagram, Facebook und YouTube zu posten. Worum geht es in deinen Videos und was möchtest du damit erreichen?
Ich mache die Videos allein, oder auch mal mit meiner Tochter Anuschka, mit meinem Smartphone als Kamera und bearbeite die Beiträge durch Bild- oder Video-Ergänzungen. Mir gibt das zunächst mal eine sinnvolle Beschäftigung und es macht Spaß, denn ich spüre oft, wie eine Zeit wieder lebendig wird, die teilweise schon recht weit zurück liegt. Hinter den Liedern schlummern oft Entstehungsgeschichten, die spannend oder überraschend sind und meinem Publikum noch deutlicher machen, wer ich wirklich bin und was uns verbindet. Ich kann aber auch meine neueren und weniger bekannten Lieder zum Thema machen und das vor allem mit meinem Repertoire für Erwachsene, das immer mehr Freunde findet – auch in der Großeltern-Generation.

Liest du dir die Kommentare unter deinen Videos durch?
Ich bemühe mich, alle Kommentare zu lesen, kann aber nicht auf alle eingehen. Die direkten und oft spontanen Rückmeldungen gehen weit über das hinaus, was ich früher am Rande von Konzerten erfahren konnte. Vieles berührt mich sehr und manches gibt mir tiefe Einblicke in das Leben von Menschen, die mir offenbar sehr vertrauen, für die ich so etwas wie ein Lebensbegleiter geworden bin. Das macht mich dankbar und oft auch demütig.

Dürfen wir uns auf neue Lieder von dir freuen?
Das steht wohl in den Sternen. Ich habe ein so breites und vielfältiges Repertoire geschaffen, dass es nicht leicht ist, noch auf neue Themen mit Substanz zu stoßen, aber wer weiß, meine Kreativität ist noch nicht erloschen. Allerdings entstehen zur Zeit eher neue Versionen von älteren Liedern, in denen aktuelle Themen unserer Zeit aufgegriffen werden. So wurde beispielsweise aus „Leben ist mehr“ die Version „Pflege ist mehr“.

Abschließend: Wenn du dir etwas wünschen könntest, für die Zukunft unseres Planeten, was wäre das?
Dass die Sichtweise des Astronauten, wie Alexander Gerst, auf die Schönheit, Einmaligkeit und Verletzlichkeit unseres blauen Planeten im dunklen Weltall noch viel mehr Menschen in ihr tägliches Bewusstsein dringen und ihr mitverantwortliches Handeln prägen.

Rolf Zuckowski (*1947) hat in den vergangenen 50 Jahren mehr als 800 Lieder für Kinder und Erwachsene geschrieben. Mit mehr als 20 Millionen verkauften Tonträgern zählt er zu den kommerziell erfolgreichsten Künstlern in Deutschland. Für sein besonderes soziales Engagement ist ihm 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Rolf Zuckowski hat drei Kinder und vier Enkelkinder. Mit seiner Frau Monika, mit der er in diesem Jahr „Goldene Hochzeit“ feiert, lebt er in seiner Geburtsstadt Hamburg.

BILDQUELLE: dpa