Auf dem Fernsehsender RTL läuft seit 3. Januar mit “Train Your Baby Like a Dog – die Hund-Kind-Methode” ein neues Sendeformat. Wie der Name erahnen lässt, geht es darin um die Erziehung von Kindern. Unter Anleitung einer Hundetrainerin sollen verzweifelte Eltern lernen, ihre Kinder wie einen Hund zu “trainieren”. Was diese Methode bei Kindern anrichten kann und warum du sie nicht ausprobieren solltest….

In Großbritannien wurde das Format bereits auf dem Sender Channel 4 ausgestrahlt und hat für kontroverse Diskussionen gesorgt. Es gab eine Online-Petition, die für das Absetzen der Sendung sorgen sollte. Mehr als 35.000 digitale Unterschriften wurden gesammelt. Trotz der zu erwartenden Kritik hat sich der Sender RTL entschieden, die Lizenz zu erwerben und das Format ins deutsche Fernsehen zu holen. Bereits vor der Ausstrahlung der Pilotfolge sind auch hier bereits Stimmen laut geworden, die sich gegen die “Hund-Kind-Methode” ausgesprochen haben. Wie in Großbritannien gibt es auch hier eine Petition, die bereits am Abend der ersten Ausstrahlung beinahe 20.000 Stimmen gezählt hat.

Laut der Zeitung WELT haben auch Experten RTL davor warnen wollen, die Sendung auszustrahlen. Darunter der Kinder- und Jugendpsychiater Univ.-Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort – Leiter Forschung und Lehre am UKE – und der Rechtsanwalt Dr. Gerhard Strate aus Hamburg, die sich am 27. Dezember mit einem Brief an RTL-Geschäftsführer Jörg Graf gewandt haben: „Der Titel dieser Sendung, die wie ein Imperativ daherkommt, widerspricht dem Menschenbild unserer Verfassung“, schreiben Schulte-Markwort und Strate darin. Das Kind sei ein Wesen mit eigener Menschenwürde und eigenem Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit, erklären sie weiter. „Über Ihre diesem Menschenbild widersprechende, provozierende These kann es deshalb keine Diskussion geben“, finden sie.

Die Stellungnahme von RTL

Der Sender RTL zeigt sich davon unbeeindruckt und versichert auf seiner Website, die Umsetzung der gesamten Produktion sei von Dr. Niko Hüllemann, Kinder- und Jugendpsychotherapeut, begleitet, sowie medienpädagogisch betreut worden. Die medienpädagogische Fachkraft wird namentlich nicht genannt. Sie sei an den Vorbereitung beteiligt gewesen, habe etwa im Vorfeld beide Familien besucht und jeweils ein Gutachten erstellt, in dem sie die bevorstehenden Dreharbeiten aus medienpädagogischer Sicht als unbedenklich eingestuft habe. Außerdem sei sie auch beim Dreh mit der Hundetrainerin vor Ort dabei gewesen. Die fertig geschnittene Pilotfolge sei dem Bezirksjugendamt Köln vorgelegt worden (wie dessen Reaktion war, wird nicht kommuniziert) und letztlich vom Jugendschutz der FSF für das Tagesprogramm ab 12 Jahren freigegeben worden. Der Sender verteidigt die “Hund-Kind-Methode” und beschreibt sie als erfolgreich. Sie sei in den USA längere Zeit populär und verbreite sich nun auch in Europa.

Unumstritten: Die Familien brauchen Unterstützung

Wie verzweifelt müssen Eltern sein, die mit ihren Kindern bei einem solchen Sendeformat mitmachen? Sehr verzweifelt, wie man bereits in der ersten Folge deutlich erkennt. Zwei Familien werden in belastenden Alltagssituationen gefilmt und dargestellt. Das zweijährige Kind weigert sich beispielsweise, sich die Zähne putzen zu lassen oder am Abend ruhig alleine in seinem Gitterbettchen liegen zu bleiben. Ein vierjähriges Kind ignoriert die Anweisungen seiner Eltern und akzeptiert deren “Nein” nicht. “Ich bin schon sehr verzweifelt”, gibt eine der Mütter offen zu. Man empfindet als Zuschauer unweigerlich Mitgefühl und stimmt der angeblichen Idee des Formats zu – diese Familien brauchen Unterstützung. Dringend. Und zwar von erfahrenen Fachleuten.

Hilfsangebote für Familien in schwierigen Situationen gibt es in jeder Region. Mögliche Anlaufstellen vor Ort sind beispielsweise das Jugendamt, Frühe Hilfen, die Caritas, Diakonie oder pro familia. Wer kurzfristig ein offenes Ohr oder einen Ratschlag braucht, kann sich anonym an die kostenlose Hotline “Elterntelefon” wenden (montags – freitags von 9 bis 17 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr unter 0800 111 0 550). Keine Familie in Deutschland wird mit ihren Herausforderungen alleine gelassen. Eltern, die sich Hilfe suchen, müssen nicht befürchten, dass man ihnen die Kinder wegnimmt. Das Jugendamt prüft jeden Fall gewissenhaft und die Herausnahme von Kindern aus ihren Familien ist der letzte Schritt und selbst dann nicht unumkehrbar.

Die Hundetrainerin als Familienexpertin

Die “Expertin”, die im neuen Sendeformat von RTL den Eltern die Ratschläge erteilt heißt Aurea Verebes, ist 38 Jahre alt, kommt aus der Nähe von Stuttgart und ist hauptberuflich Hundetrainerin. Die “Hund-Kind-Methode” hat sie nach eigenen Angaben bei ihren eigenen drei Kindern selbst erfolgreich angewandt und bereits anderen Eltern damit geholfen. Eine pädagogische Ausbildung hat sie nicht absolviert. Dass eine Hundetrainerin Eltern Ratschläge dazu gibt, wie sie einen Hund als Haustier in die Familie integrieren können oder Kindern zeigt, wie sie mit einem Hund umgehen sollten, wäre nachvollziehbar. Doch darum geht es bei “Train Your Baby Like a Dog” nicht. Stattdessen vermittelt die Hundetrainerin den Eltern Methoden aus der modernen Hundeerziehung. Damit sollen sie ihre Kinder, wie es während der Sendung immer wieder formuliert wird, “trainieren”.

In der ersten Folge sagt eine der Mütter: “Ich dachte, mein Kind ist doch kein Hund.” Instinktiv hat sie erkannt, dass hier etwas merkwürdig läuft. In ihrer Verzweiflung hat sie sich auf das Experiment dann trotzdem eingelassen und sich die Methoden der Hundetrainerin bereitwillig erklären lassen. So beispielsweise das “Clickertraining”. Dieses basiert auf der Verhaltensforschung von Hunden und kombiniert ein akustisches Signal mit einer darauf folgenden Belohnung. Hunde sollen auf diese Weise ein unwillkommenes Verhalten abtrainiert oder Tricks antrainiert bekommen. Kinder würden sich in vielen Situationen genau wie Hunde verhalten, behauptet die Expertin und überlässt der Mutter einen Clicker. Damit soll die vierjährige Tochter beispielsweise von ihrem Schnuller entwöhnt werden oder aufhören, auf dem Elternbett herumzuhüpfen. Eine der angebotenen Belohnungen ist eine Umarmung der Mutter.

Die Hundetrainerin führt weitere Methoden in die Familien ein, die teilweise auf Augenhöhe mit dem Kind stattfinden und im Ansatz nachvollziehbar sind. Dabei wirkt sie verständnisvoll und fürsorglich. In einem anderen Rahmen könnte auf dieser Basis die Eltern-Kind-Beziehung gestärkt werden. Das Kind könnte sich und seine Bedürfnisse von seinen Eltern wahrgenommen fühlen und vor diesem Hintergrund könnten die aufgezeigten Wege in die richtige Richtung führen. Doch auch hier wird wieder der Vergleich zum Hund gezogen, wodurch die Augenhöhe verloren geht und man sich wieder daran erinnert fühlt, um welches Sendeformat es sich gerade handelt.

Vorführen von verzweifelten Familien

Wie schon bei der Sendung “Die Super Nanny” (ebenfalls RTL) werden auch bei “Train Your Baby Like a Dog” Familien vorgeführt. Sie werden in ihren eigenen vier Wänden und in intimen Momenten gefilmt und ihr Verhalten wird von einer Stimme aus dem Off kommentiert. Die Eltern nehmen freiwillig daran teil, öffnen dem Kamerateam die Tür und stimmen mit ihren Unterschriften einer Ausstrahlung ausdrücklich zu. Die Produktion nutzt die Hilflosigkeit womöglich für Einschaltquoten und Aufmerksamkeit in sozialen Medien rücksichtslos aus, doch die erwachsenen Protagonist:innen haben wenigstens die Chance, die möglichen Auswirkungen ihrer Teilnahme an einem solchen Format vorab einzuschätzen und ihre Entscheidung bewusst zu treffen. Wenn die Nachbarschaft künftig über sie herzieht, wenn die Vermieterin den Mietvertrag überdenkt, wenn der Arbeitgeber “personelle Umstrukturierungen” anstrebt oder sich Bekannte abwenden, sind sie dafür selbst verantwortlich.

Doch die Kinder haben diese Chance nicht. Sie werden mit Gesicht, Namen und Wohnort gezeigt. Ihr vermeintliches Fehlverhalten wird angeprangert und sie werden als kleine Tyrannen dargestellt, die man wie ein Tier dressieren kann. Erfolgreich, wie die teilnehmenden Eltern resümieren. Die Kinder lassen sich nach dem Experiment die Zähne putzen, schlafen  alleine im Gitterbett, geben ihren Schnuller auf und hüpfen nicht mehr auf dem Bett herum. Freudestrahlend bedanken sich die Eltern für die Hilfe der Hundetrainerin. Endlich haben sie mal wieder Zeit für sich und ihre Kinder im Griff. Die erste Folge endet mit dem Satz der Stimme aus dem Off: “Das Experiment Hundetraining mit Kindern kann als gelungen betrachtet werden.”

Warum sollte man die Methode dann nicht anwenden?

Aber wenn die “Hund-Kind-Methode” so erfolgreich zu sein scheint – warum sollte man sie dann nicht anwenden? Erziehungsmethoden gibt es unterschiedliche und es wird über viele diskutiert. Leben uns leben lassen, denken sich einige Eltern und akzeptieren, dass andere Familien andere Ideen davon haben, wie man Kinder beim Aufwachsen begleiten sollte. Das ist bis zu einem gewissen Punkt auch in Ordnung. Jede Familie ist individuell und jedes Kind ist das ebenso. Selbst innerhalb einer Familie kann man nicht immer mit allen Geschwisterkindern auf die gleiche Weise interagieren. Es gibt kein Patentrezept, das für alle gleichermaßen passt. Und dennoch gibt es Grenzen. Gewalt gegen Kinder – körperlich oder psychisch beispielsweise. Es mag vermeintlich “erfolgreich” sein, ein Kind zu schlagen, wenn es eine von den Eltern aufgestellte Regel gebrochen hat – denn es wird dies vermutlich nicht noch einmal tun. Doch deshalb ist es dennoch absolut nicht vertretbar, ein Kind zu schlagen. Und ebenso ist es nicht vertretbar, ein Kind zu demütigen und ihm seine Würde zu nehmen. Bei der Sendung “Train Your Baby Like a Dog” geschieht genau das. Den Kindern wird ihre Würde genommen.

Und die “Hund-Kind-Methode” grundsätzlich, selbst ohne Fernsehkameras im Haus, kann Kinder nachhaltig traumatisieren – vor allem dann, wenn Eltern die Methoden ohne weitere Begleitung nachzuahmen versuchen. Mögliche Langzeitschäden, die noch im Erwachsenenalter therapiert werden müssten, sind nicht auszuschließen. Eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung gibt dem Kind Orientierung und Halt, doch auch Freiraum für eigene Bedürfnisse. Ihm die Wahl zwischen Belohnung und Bestrafung zu lassen und dazwischen keinen Raum für das, was es will oder braucht, kann zwar zu einem Ergebnis führen, das die Eltern zufriedenstellt, doch gleichzeitig die kindliche Entwicklung und Psyche gefährden.

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