Wie ist es, während der Corona-Pandemie schwanger zu sein, zu gebären und mit einem Baby zu leben? Wir haben uns in der Naturkind-Community umgehört…

Anfang des Jahres 2020 haben wir im Naturkind-Team voller Vorfreude drei Babys erwartet. Rebecca (Printredaktion), Jenni (Grafik) und Farina (Onlineredaktion) sind im vorigen Sommer beinahe zeitgleich schwanger geworden – zu einer Zeit, in der von Corona noch niemand gesprochen und an eine Pandemie niemand gedacht hat. Während des ersten Lockdowns kamen die Babys dann auf die Welt, als sogenannte “Corona-Babys”. Keines der drei Mädchen hatte oder hat Corona bzw. Covid-19 (*dreimal auf Holz klopfe*) und dennoch weiß jeder, was mit dem Begriff gemeint ist. Und viele fragen, wie es denn so ist, ein “Corona-Baby” zu haben – denn während der Schwangerschaft, Geburt und ersten Lebensmonate stehen Familien aktuell vor besonderen Herausforderungen. Und nicht nur wir im Team werden gefragt, auch wir fragen: Wie geht es den anderen Babymamas da draußen gerade? Wie habt ihr die letzten Monate erlebt und mit welchem Gefühl blickt ihr in die Zukunft?

Erfahrungsberichte aus der Naturkind-Community

Während die einen die Ruhe genießen und als Familie während der letzten Monate enger zusammengerückt sind, fühlen sich andere einsam, isoliert und von Zukunftsängsten gequält. In den folgenden Erfahrungsberichten wird klar, wie unterschiedlich Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Babyzeit während der Corona-Pandemie erlebt werden.

Jasmin erwartet im Januar 2021 ihr zweites Kind, ihr erstes Kind ist aktuell 17 Monate alt.

Die letzten Monate haben uns verändert. Nicht nur mich … die ganze Gesellschaft. Wir Erwachsenen stecken das alles schon irgendwie weg. Zumindest diejenigen, die arbeiten gehen. Für meinen Mann hat sich im Alltag wenig verändert. Er sieht seine Kollegen, kann sich viel austauschen, übernimmt für mich die schweren Dinge, die ich auf Grund der Schwangerschaft nicht mehr machen kann.

Ich hingegen hatte von Beginn an nicht viele Möglichkeiten. Mit Baby zuhause und schwanger. Dann immer wieder Einschränkungen durch Corona. Ich kann keine Kurse machen. Auf mich konzentrieren ist unmöglich. Turnen für die Kleine … auch das wurde alles abgesagt. Wir sitzen hier in unserer Wohnung. Spazieren und rausgehen mit dem Hund funktionierte bis vor kurzem noch super. Aber hochschwanger auch alles nicht mehr das Wahre. Meine psychische Verfassung? Innerlich zerrissen. Aber meine Tochter macht alles wieder gut.

Sie ist glücklich. Bekommt wenig mit. Quasselt mich den ganzen Tag mit den süßesten Sachen voll. Verteilt Bussis an mich und ihre Schleichpferde und wirkt super zufrieden und gesellig.

Ich habe Angst, dass das nicht immer so bleiben wird. Wir Erwachsenen umarmen niemanden mehr. Keine Familienmitglieder, keine Freunde. Zu viele Risikopatienten um uns herum. Das Ganze ist nun seit fast einem Jahr so. Wird man nach Corona, wenn es ein Danach gibt, wieder anfangen sich zu umarmen? Liebe und Geborgenheit wieder zu teilen und Empathie in die Welt ausstrahlen? Ich habe Angst, dass unsere Kinder das nicht lernen.

Und was macht mein Corona-Baby? Noch kuschelt sie sich in ihrer Fruchtblase. Noch keinen blassen Schimmer in welche Umstände sie geboren wird.

Wir haben uns im Sommer über eine Hausgeburt informiert. Es klang alles so toll. Aber mein Mann war skeptisch. Unsicher. Und die zahlen wurden besser. Wir haben dann entschieden, dass sich beide wohlfühlen müssen und die Hausgeburt abgesagt. Tja und nun …

Wir leben in Bayern. Totaler Lockdown. Was passiert im Januar, wenn ich entbinde?

Die Regelungen bisher sind, während der gesamten Entbindung muss ich eine Maske tragen. Zum Lockdown light durfte der Mann noch mit. Regelung: eine Stunde nach der Entbindung muss er gehen. Er darf am Tag nur eine Stunde zu Besuch kommen. Und unsere dann große Tochter darf mich gar nicht sehen. Also fiel die Entscheidung nun auf eine ambulante Entbindung.

Aber was passiert nun? Muss ich hier alleine durch? Auch wenn es ambulant ist? Mein Mann ist meine Stütze, mein Fels in der Brandung, mein Ruhepol. Ich kann mir nicht vorstellen, das ohne ihn durchzustehen. Und eine Entbindung ist doch so wichtig für beide Elternteile. Das ist doch nicht nur mein Kind. Was wenn etwas passiert ? Wird er rechtzeitig bei uns sein?

Fragen über Fragen, es gibt keine Antworten. Das Ungewisse für die Zukunft macht mich traurig. Ich hoffe unser Corona-Baby wird eines der letzten sein und alles geht danach bergauf in Richtung „altes Leben“.

Ann-Christin hat im Mai 2020 ihr zweites Kind bekommen, ihr erstes Kind ist 5 Jahre alt.

Als es im März hieß, alles wird zugemacht, das Kind darf nicht mehr in den Kindergarten und man darf auch sonst nichts mehr machen, wusste ich erst nicht richtig damit umzugehen.

Die ersten vier Wochen gingen noch normal vorbei und es war so ein bisschen wie Sommerferien. Doch mit dickerem Bauch, weniger Kraft aber einem fast fünfjährigen Kind im Haus, das gerne etwas erleben möchte, war es nicht so einfach. Auch, dass die Omas und Opas nicht vorbei kommen konnten, machte alles schwieriger, weil das manchmal ein bisschen Erholung gebracht hätte.

Ja. Bei einer zweiten Schwangerschaft ist alles anders und man kann sich nicht mehr so ausruhen wie man das noch bei der ersten gemacht hat. Aber trotzdem war es in diesem “eingesperrt sein” doch eine ganz andere Situation.

Zwar hatten wir kein Betreuungsproblem, da ich dank Beschäftigungsverbot zuhause war. Doch mein Mann hat einen systemrelevanten Job bei dem er viel mit Menschen in Kontakt kommt. Da war immer die Angst da, dass er die Krankheit mit nach Hause bringt und was passiert, wenn wir uns anstecken. Die Frage, ob Schwangere zu den Risikopatienten gehörten, wurde zwar mit nein beantwortet. Aber jetzt mal ganz ehrlich. Wer konnte im März/April genau sagen, wer Risikopatient ist und wer nicht. Über jedem Gedanken in die Zukunft hing diese Corona-Glocke.

Gott sei Dank durften die Untersuchungen stattfinden und meine Ärztin hatte wirklich sehr darauf geachtet, dass alle Hygienevorschriften eingehalten wurden. Mein Mann durfte zu keiner Untersuchung mehr mitkommen doch das war gar nicht schlimm, da er in der Zeit dann auf den großen Sohnemann aufgepasst hatte. Denn der musste ja auch irgendwie betreut werden.

Auch die ganzen Nachrichten und verschiedenen Regelungen zu den Krankenhäusern, machten einem Angst. Darf mein Mann mit rein? Darf er bei der Geburt dabei sein? Muss ich während der Geburt eine Maske tragen? Das waren nur ein paar der Fragen, die ich hatte. Gott sei Dank hatten wir ein wirklich super Krankenhaus und konnten uns, was die Betreuung und die Regelungen rund um die Geburt anging, nicht beschweren. Mein Mann durfte von Anfang an bei der Geburt dabei sein und auch danach musste er nicht sofort das Krankenhaus verlassen. Wir durften unseren Sohn zusammen kennenlernen.

Es gab nur noch eine Angst die ich hatte und zwar die, dass der große Bruder nicht ins Krankenhaus darf. Aber Gott sei Dank hat ein Tag nach der Geburt das Krankenhaus die Regelung eingeführt das ein Besucher plus Geschwisterkind mit ins Krankenhaus darf.

Mittlerweile sage ich, dass Corona zwar dazu geführt hatte, dass ich weniger Zeit hatte mal die Füße hochzulegen – da ja der große Bruder betreut werden musste – aber es hat auch etwas Positives. Das ganze Leben wurde entschleunigt und man hat sich nicht mehr so den Alltagsstress gemacht. Man war zuhause oder in der Natur und musste keinen Verpflichtungen nachgehen. Und diese ganzen Sprüche, die man so zur Ende einer Schwangerschaft bekommt, musste man sich nicht anhören, denn man durfte ja eh niemanden sehen.

Mona (Instagram: @frauvonzuckerschnute) hat ihr Baby im März 2020 bekommen.

Unser Sohn Oskar Joshua wurde am 19. März 2020 im Krankenhaus geboren. Kurz darauf begann der erste Lockdown. Am Anfang war da viel Sorge vor der Geburt. Werde ich meinen Mann mit in den Kreißsaal nehmen dürfen? Wie gefährlich ist die Erkrankung für uns?
Gott sei Dank durfte mein Mann ohne Probleme die ganze Zeit während der Geburt bei mir sein und ich konnte ohne Maske entbinden. Die Besuchszeit beschränkte sich allerdings auf den Vater und nur eine Stunde am Tag, so entschieden wir, gleich am nächsten Tag nach Hause zu gehen.
Meine Eltern brachten mir am nächsten Tag abends meinen großen Sohn und sie blieben fünf Minuten, um Oskar zu sehen. Danach sah ich meine Mama erst nach vier Wochen wieder, was mir persönlich das Herz brach.

Der nächste Schock folgte nach ein paar Tagen: Oskars erste Post im Leben kam vom Gesundheitsamt! Wir könnten uns mit Corona angesteckt haben. Stundenlanges Telefonieren und Warten, keine richtigen Antworten. Unsicherheit. Doch uns ging es gut. Die nächsten Wochen wurden einsam. Alle verpassten unser Baby als Neugeborenen. Ich weinte nach drei Tagen fürchterlich. Was sollte noch alles kommen?

Nun rückblickend kann ich sagen: keine Kurse, keine Besuche, keine Krabbelgruppe, kein frühstücken mit Freunden. Homeshooling und Baby dazu. Eine Herausforderung. Viel Ruhe hatten wir, viel Zeit füreinander. Trotzdem fühle ich mich einsam, vermisse meine Freunde und frage mich wie es weiter geht. Was für ein Kind wird Oskar mit so wenig sozialen Kontakten? Wie wird die Eingewöhnung in der Krippe mit Maske? Wird es je wieder normal?

Yvonne hat ihr Baby im September 2020 bekommen.

Gerne teile ich meine Geschichte, denn ich höre immer wieder, dass sie Mut macht. Meine Tochter ist am 11. September 2020 geboren, mitten in der Pandemie. Sie ist ein wahres Wunder, denn wir haben neun Jahre auf sie gewartet. Haben etliche künstliche Befruchtungen hinter uns, viele Fehlschläge erlitten, Operationen durchgestanden und ein Sternchen verloren.

Dann haben wir im letzten Jahr eine Pause von all den Behandlungen gemacht. Mein Körper, meine Seele brauchten Heilung. Im Dezember, an Silvester hatte ich plötzlich ein ganz warmes Gefühl im Herzen. Als ob ich wüsste, dass bald etwas geschieht. Anfang Januar dann hat mein lieber Papa die Diagnose Krebs im Endstadium erhalten und ich war völlig fertig.
Und gut eine Woche später habe ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand gehalten. Völlig ungläubig, aber ich wusste, dass dieses Kind uns der Himmel schickt! Mein Papa starb im Juni und ist zu meiner Mama gegangen. Ich war hochschwanger auf seiner Beerdigung. Und gerade liegt unser kleines Wunder, meine Greta, auf meinem Arm und lächelt im Schlaf. Wunder geschehen…

Vanessa hat ihr zweites Kind im November 2020 bekommen.

Wir haben unser zweites Baby vor drei Wochen bekommen. Ich bin schwanger geworden, kurz bevor Corona hier so extrem wurde. Ich muss sagen, es ist das Beste, das uns passieren konnte. Der Große musste nicht mehr in den Kindergarten. Mittlerweile leben wir komplett kitafrei. Die Arztbesuche waren nicht so super. Da kam dann die Idee einer Hausgeburt. Die Hebamme hat dann alle Kontrollen bis zur Geburt übernommen und wir haben unseren Winterjungen ganz natürlich zuhause in einer wunderschönen Atmosphäre entbunden. Dafür bin ich Corona sogar dankbar. Ich weiß nicht, ob wir ohne Corona eine Hausgeburt gemacht hätten. Es war wirklich eine traumhafte Geburt, ich kann das nur jedem empfehlen!

Kirsten hat im November 2020 ihr zweites Kind bekommen, ihr erstes Kind ist drei Jahre alt.

Vor gut drei Wochen habe ich unser zweites Kind bekommen. Da die erste Geburt wegen einer Nabelschnurverschlingung im Notkaiserschnitg endete, war für uns eine außerklinische Geburt nicht vorstellbar. Unter den derzeit herrschenden Bedingungen – der Vater muss uns zwei Stunden nach der Geburt verlassen und darf täglich nur eine Stunde zu Besuch kommen – war jedoch eine ambulante Geburt geplant.

Unser Kind hatte es dann vier Tage nach ET plötzlich so eilig, dass an eine Fahrt zum Krankenhaus nicht mehr zu denken war. Glücklicherweise ist unsere Hebamme auf Hausgeburten eingerichtet und hat sich nach unserem Hilferuf direkt auf den Weg gemacht. Nach insgesamt nur zwei Stunden ist unser Mika ungeplant und völlig komplikationslos im heimischen Wohnzimmer auf die Welt gekommen. Im Nachhinein das Beste, das uns passieren konnte. Wir wurden großartig betreut, es gab keine unnötigen Interventionen und wir konnten uns direkt zu Hause einkuscheln. Der große Bruder konnte sich am nächsten Morgen direkt dazu kuscheln und war ähnlich überrascht.

Unser größter Dank gilt unserer Hebamme, die so spontan und voller Hingabe in diesen rauen Zeiten an unserer Seite war und mir unter anderem eine Fahrt mit Mundschutz unter Presswehen im Rettungswagen erspart hat.

Anna (Instagram: @braunschweigmama) hat im Oktober 2020 ihr zweites Kind bekommen.

Ich bin Anfang des Jahres schwanger geworden und habe den Sommer über sehr genossen, mit meiner Großen alleine zu sein und sie entspannt auf das kleine Geschwisterchen vorzubereiten. Das Einzige, das ich etwas schade fand war, dass wir keinen Urlaub zu dritt mehr machen konnten. Ansonsten war die Schwangerschaft für mich sehr entspannt.

Und auch, als die kleine Maus Anfang Oktober geboren wurde, habe ich das Wochenbett sehr entspannt erlebt und ohne Besuch sehr genießen können.

Mir persönlich taten diese Einschränkungen sehr gut und ich würde es in einem nächsten Wochenbett wieder so handhaben, dass wenigstens in den ersten zwei Wochen niemand zu Besuch kommen soll.

Jetzt merke ich langsam, dass es für die Babymaus schön wäre, wenn wir eine Krabbelgruppe oder ähnliches besuchen könnten. Ich selbst tausche mich online mit anderen Mamas aus und habe so meine sozialen Kontakte. Aber es wäre schön, wenn die Kleine auch bald mal andere Babys kennenlernen könnte.

Außer diesem Punkt tangieren mich die Einschränkungen wenig beziehungsweise haben eher positive Auswirkungen für uns als kleine Familie.

Auch wenn es natürlich schlimm ist, was Corona anrichtet, gab es für mich einige Vorteile dadurch und ich bin dankbar für die Ruhe, die wir als Familie haben.

Laura hat ihr drittes Kind im Juni 2020 bekommen.

Wir haben nicht viel von Corona bemerkt, was die Schwangerschaft betraf.  Alle Arztbesuche waren entspannt und auch die Geburt im Geburtshaus. Nur die Geschwister durften ihre Schwester nach der Geburt nicht gleich begrüßen. Da wir im Erdgeschoss ein Zimmer hatten, konnten sie ihre Schwester aber von draußen begrüssen – Corona macht auch erfinderisch. 

Die Situation jetzt ist recht schwer. Ich fühle mich mit dem Baby manchmal sehr isoliert, da alle Müttertreffen und Kontaktstellen abgesagt werden oder geschlossen haben. Wir brauchen außerdem dringend eine größere Wohnung. Wir  wohnen zu fünft in einer Dreizimmerwohnung aber durch Corona hat sich der Immobilienmarkt verändert. Es gibt nicht mehr so schnell freie Wohnungen und ich habe das Gefühl,  es ist schwerer geworden, als Familie etwas zu finden, als es schon vorher war. 

Sarah (Instagram: @mutter_mund_ ) hat im Juni ihr drittes Kind bekommen, ihre ersten beiden Kinder (Zwillinge) sind sechs Jahre alt.

Ich war in diesem Jahr schwanger, habe im Juni ein Baby geboren, kein Corona-Baby übrigens, den Begriff finde ich fürchterlich. Viele haben nicht einmal mitbekommen, dass ich schwanger war. Vor sechs Jahren habe ich Zwillinge bekommen, während der Schwangerschaft musste ich wegen einer Gebärmutterhalsverkürzung drei Monate liegen. Dieses Mal sollte alles anders sein, ich wollte die Schwangerschaft so richtig genießen. Im Mutterschutz mit Freund*innen frühstücken, Kaffee trinken gehen, einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, über den Wochenmarkt schlendern. So hatte ich mir das vorgestellt. Wenn das Baby dann da wäre, sollte es immer dabei sein, wie das so ist bei Babys. Bei Geburtstagen, Ausflügen, Familienfeiern, ich hatte mich darauf gefreut die Zeit mit einem Einlingskind ganz intensiv zu genießen. Stressfreier im Café, zu Besuch bei der Freundin, frühstücken gehen, den Opa besuchen, die Tante in der Mittagspause überraschen, Rückbildung mit Baby, Mama-Baby-Yoga. Stattdessen sind wir zuhause, am Vormittag ohne die großen Geschwister, die ich nun manchmal schon früher vom Kindergarten abhole um mehr Leben in der Bude zu haben. Wir treffen uns zu Spaziergängen, Woche für Woche, meiden Kontakte, weil wir die Situation ernst nehmen, und weil ich mir Sorgen mache. Wir sehen die Großeltern nur noch draußen. Der Opa gehört zur Risikogruppe, hat Angst selbst zu erkranken, die Omi arbeitet im Krankenhaus, meine Schwiegermutter ist in Rente und hat sich für den Kontakt zu den Kindern entschieden. Meine Schwester arbeitet mit Geflüchteten und hat dadurch viele Kontakte. Sie sehen wir kaum noch. Ich fühle mich oft isoliert, einsam, allein. Bin traurig, dass mein Baby nicht all die schönen und anstrengenden Dinge miterlebt, die eine Familie vor Ort mit sich bringt. Dass die Familie so viel vom Baby verpasst. Ich trauere um die verpasste Zeit, die fehlende Leichtigkeit, die verlorene Freiheit. Frage mich, ob wir zu streng sind. Manchmal weiß ich nicht mehr, wie ich die Fragen der Kinder beantworten soll. Ich habe Angst, dass die Pandemie Spuren hinterlässt. Will, dass sie ihre Schwester nach dem Kindergarten anfassen können, ohne sich vorher die Hände zu waschen.

Ich warte bis es es endlich Abend ist und mein Mann nach hause kommt. Ich freue mich wie wild aufs Wochenende. Ich schicke Sprachnachrichten, die ich immer anstrengend fand, an Freund*innen und bekomme so viele, dass ich kaum zum antworten komme. Ich habe mich sogar bei Instagram angemeldet. Es gibt eine Freundin mit Baby, mit der ich mich auch drinnen treffe, so dass die Babys sich sehen und anfassen können. Wir haben einander ausgesucht. Der Kontakt tut gut, weil wir in der gleichen Situation sind und eine ähnliche Einstellung haben.
Vor ein paar Tagen habe ich zu meinem Mann gesagt: “Heute musste ich ans Frühjahr denken, da habe ich gemerkt, dass es wohl das schönste Frühjahr meines Lebens war.” Noch nie war da so wenig Zeitdruck, so viel “in den Tag hinein leben”. Klar, wir haben etwas gebraucht um uns einzugrooven und haben dann die schönsten Monate als Familie verbracht, mit Baby im Bauch, in der Hängematte liegend, Eis in der Hand, Uhrzeit völlig egal. Spielend von morgens bis Abends, glückliche Kinder, glückliche Eltern, nicht frei von Sorgen, Arbeit und Verantwortung, aber freier als sonst und aufs Wesentliche fokussiert. Das Frühjahr war ein Geschenk, die gemeinsame Zeit war unser Positives im Negativen. Das Baby jedenfalls ist tiefenentspannt. Völlig ausgeglichen und voller Glück. Wir reichen völlig aus. Das hält mich im zweiten Lockdown über Wasser. Das Glück, dass wir uns haben, die Dankbarkeit, dass wir bisher gesund und gemeinsam durch die Pandemie gekommen sind.
Sina hat im Januar 2020 Zwillinge bekommen. Ihr größerer Sohn ist drei Jahre alt.
Wo fange ich an? Es ist für mich sehr schwieg, die Eindrücke, Gefühle, Erfahrungen, Assoziationen und Gedanken, die mir kommen, wenn ich das Jahr Revue passieren lasse, in Worte zu fassen. Es ist so vielschichtig. Unsere Mädels wurden Anfang Januar per Kaiserschnitt (leider lagen beide Mädels bis zum Ende in Beckenendlage, ganz entgegen meiner Erwartung, dass sich zumindest K1 noch dreht…) in der 37. Woche geboren, Ida allerdings war unterversorgt, was wir nicht wussten und kam mit dem Entwicklungsstand von Woche 33 zur Welt. Der Anfang war schon sehr holprig, aufgrund von Komplikationen habe ich 1,9 Liter Blut verloren und mich dementsprechend nur übergeben, sodass ich abpumpen musste, nicht stillen konnte und zudem hatte ich noch eine Schambeinfraktur, was allerdings erst zwei Monate später erkannt wurde. Zurück lag eine Zeit des Umzuges und des Renovierens, eine Zeit die emotional nicht unanstrengend war. Wir hatten nie damit gerechnet, Zwillinge zu bekommen und die Entscheidung zehn Kilometer aus dem schönen Köln Ehrenfeld in den Vorort zu ziehen haben wir nach dreijährigem Suchen treffen müssen. Mittlerweile ist aber alles gut, die Natur ums uns herum haben wir bedingt durch Corona noch mehr zu schätzen gelernt.
Ich sehnte mich also nur danach, dass endlich ein Stückchen Normalität eingekehrt, dass ich im neuen „Veedel” Kontakte knüpfen, mich einleben und endlich ankommen kann. Sah mich vor meinem inneren Auge ab März an Babykursen teilnehmen und meine Elternzeit ganz bewusst zu genießen. Und ja, ich habe diese Elternzeit ganz bewusste gelebt, aber eben ganz anders als erwartet. Wir hatten das unheimliche Glück, unterjährig einen Kitaplatz für Mats, unseren gerade drei Jahre alt gewordenen Sohnemann in einer wundervollen, tollen kleinen Kita bekommen zu haben. Ich weiß noch, dass ich auf dem Rückweg des Kennenlerntreffens meinen Mann angerufen und gesagt habe „Jetzt ist die erste Konstante da, ein Meilenstein, jetzt kommen wir wirklich langsam an, ich habs im Gefühl…”. Die Eingewöhnung dauerte ganz kurz und Mats hatte das Glück drei Wochen in die Kita gehen zu können – dann kam der Lockdown Nummer Eins.
Als ich davon gelesen habe, war mein erster Gedanke nicht, dass es fürchterlich anstrengend werden wird, mit zwei Monate alten Zwillingen und einem gerade Dreijährigen zu Haus zu sein, sondern eher der, dass ich dachte, wie schade es sei, dass wir so schwierige Startbedingungen haben und auch die Mädels die schönen Erfahrungen, wie etwa einen Babymassagekurs zu besuchen, all das, was ich Mats bieten konnte, ihnen nicht werde bieten können und Mats nun nicht seine gerade neu gefunden „Freunde” treffen kann und es für uns vielleicht auch einsam werden könne. Die Wochen vergingen, ich habe versucht herauszufinden, wo Schwierigkeiten für uns im Alltag sind, habe mit Mats einen Tagesstrukturplan mit Bildern entwickelt, auf dem wir nachschauen konnten, wo wir uns am Tag befinden. Wir haben das tolle Wetter genossen, den nahegelegenen Wald zu schätzen gelernt, lange Radtouren an den Wochenenden gemacht, Bärlauch gesammelt, unsere Freunde über Zoom „getroffen” und alles wirkte irgendwie wunderbar entschleunigt, entspannt, in Ruhe. Ich habe versucht, nur das Positive zu sehen (und mir vielleicht unbewusst das Meckern über Anstrengung nicht erlaubt, denn eigentlich bestand ja kein Grund zum Beschweren). Die Geschwisterliebe zu sehen hat mich unglaublich mit Energie erfüllt, das Herz ist mir jeden Tag neu aufgegangen ich bin ganz sicher, dass Mats noch so viel Nestwärme bekommen hat, so viel, wie er brauchte, und, dass dieser lockdown dazu beigetragen hat, dass er mit seinen Schwestern sehr eng zusammen gewachsen ist.
Dann kam natürlich irgendwann die Müdigkeit und Erschöpfung, die Metapher der Bedecke, die einen Zipfel mehr braucht, um allen Anforderungen gerecht zu werden, passte nicht mehr – ich hatte das Gefühl, dass die Bedecke viel zu wenige Zipfel für all die Anforderungen, die der Alltag mit sich bringt, hat. Für mich konnte ich kaum noch sorgen, kein Yoga mehr, keine Rückbildung, kaum Ruhepausen, mein Mann bekam durch das Homeoffice keinen Abstand, Mats vermisste gleichaltrige Kinder, wir alle die Großeltern und ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen, niemandem zu genügen oder gerecht zu werden, den Twins nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken (noch immer war ich an die Pumpe gebunden, Stillschwierigkeiten blieben, Tragen durfte ich noch nicht wegen der Fraktur, hatte Sorge, dass dies die Bindung schädigt usw.) und fand, dass ich nicht die Mutter war, die ich sein wollte, zu schnell gereizt, zu wenig gelacht, dann und wann laut geworden, Verbote erteilt ohne zu erklären, Verhaltensmuster gezeigt, die ich dachte überwunden zu haben. Und dann dazu das schlechte Gewissen, dass es uns eigentlich sehr gut geht in der Krise. Das Gefühl, es nicht zu schätzen zu wissen, dass wir gesund sind, genügend Platz, ja sogar ein Arbeitszimmer, haben, nicht von Kurzarbeit betroffen sind. Was sind das für Luxusprobleme, dass die Elternzeit so anders ist, ich keine anderen „Mamas” kennenlernen und nicht mit einem Kind in der Trage, dem anderen im Wagen unbeschwert zur Rückbildung spazieren kann. Ich hatte diese Gedanken und habe sie mir nicht gestattet, zu haben, mochte mich aber selber in dem mindest gar nicht mehr. Kannte mich nicht mehr.
An einem Tag gelang mir ein Perpektivwechsel, der viel verändert hat. Ich erinnerte mich an einen Artikel, den meine Mutter gelesen und von dem sie mir erzählt hatte. Es ging darum, aus der Zukunft auf die Zeit zurückzublicken und zu sehen, wieviel Positives daraus erwachsen ist. Genau dies habe ich dann auch versucht und seitdem gelingt es mir wirklich, meistens. Ich würde mich eher als positiven Menschen beschreiben und hatte das Gefühl, dass mir diese positive innere Haltung verloren gegangen war, zumindest für eine kurze Zeit. Durch den Perspektivwechsel aber ist es mir gelungen auf das zu schauen, was ich Positives aus der Zeit ziehe und mir sind ziemlich viele Dinge bewusst geworden, was ich für mich gelernt habe und was sich, glaube/hoffe ich, auch aus gesellschaftlicher Sicht ändern kann oder zumindest in das Bewusstsein einiger Menschen geraten ist/geraten wird.
Ich glaube, dass das Streben nach Schnelligkeit, was mich ohnehin immer gestresst hat, nicht mehr so sehr im Fokus ist, dass sich die Möglichkeit, zumindest zeitweise im Homeoffice arbeiten zu können, vielen Arbeitnehmern bieten wird und so lange Pendelstrecken ggf. ausbleiben, dass Meetings nicht immer face-to-face stattfinden müssen und somit vielleicht einige unnötige Flüge ausfallen können.
Ich selbst ziehe aus den Erfahrungen der Krise, dass ich mich bestärkt darin fühle, dass nichts planbar ist – dieses Credo begleitet mich schon sehr lange und nun ist es wieder in den Fokus geraten – also habe ich mir vorgenommen, die Momente viel mehr als solche zu betrachten und zu leben. Ich kann wirklich viel Schönes daran sehen, mit den Kindern durch das Feld zu spazieren und stundenlang die Pflanzen zu betrachten. Ich habe mich noch mehr darauf fokussiert, zwar einen groben Pan zu haben, aber eigentlich nur zum nächsten Tag zu denken. Ich fühle mich daran bestärkt, dass spontane Aktionen die bestens sind. Ich schätze nun Treffen mit Freunden umso mehr. Ich gönne meinen Kindern mehr Ruhe und schalte öfter einen Gang zurück. Ich erlebe jeden Tag, dass Stimmung und (An)Spannung sich so sehr auf die Kinder überträgt. Durch das viele zu Hause sein im Frühling, haben wir begonnen, mit Stoffwinden zu wickeln, was ich mich bei Mats nicht „getraut” habe (nicht dogmatisch!!). Ich koche fast immer den Brei selber, wofür ich öfter bei Mats meinte, keine Zeit zu haben, weil die Elternzeit dann doch durch „Freizeitstress” geprägt war. Diese gar nicht. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung.
Wir haben es trotz Corona geschafft, unseren neuen Camper auszubauen (wir reisen seit mehr als 10 Jahren jedes Jahr mehrmals mit dem Bus und der alte war nun wirklich, durch das Doppelglück, zu klein und wir haben ihn schweren Herzens weiterziehen lassen) und auf uns eine sieben Wochen lange Elternzeitreise zu begeben, die auch von deutlich mehr Ruhe geprägt war als unsere Reise mit Mats. So waren wir viel länger an den Surfspots, haben weniger Strecken zurück gelegt und wellenfreie Tage anders zu nutzen gelernt.
Bedingt durch diese Erfahrung der Krise kam es glaube ich, dass mir die Ankündigung des erneuten lockdowns wirklich gar keine Sorgen bereitet hat. Natürlich gibt es nicht wenige Momente der Anstrengung, doch habe ich gelernt, jeglichen Perfektionismus zurückzuschrauben, wieder auf mein Bauchgefühl zu hören (diese Eigenschaft ist mir doch fast  verloren gegangen) und mich noch mehr auf den Moment einzulassen, zu akzeptieren, dass man die Situation nicht ändern kann und dass es ein großer Luxus ist, dass ich mit drei kleinen Kindern zu Hause sein kann. Ich schätze die vielen schönen Momente sehr und bin mir darüber im Klaren, dass ich diese Zeit, in der die Kinder so klein sind, nicht wieder bekommen werde und versuche, auch bei Erschöpfung all das Schöne zu sehen und in mein Herz zu lassen. In den meisten Momenten klappt es ziemlich gut. Vielleicht brauchte es die Krise, damit ich gelernt habe, mehr Ruhe in den Alltag zu lassen und Prioritäten zu setzten. Die eine Priorität ist der Blick auf das Hier und Jetzt und die bedingungslose Akzeptanz der aktuellen Situation. Wir sind natürlich an unsere Belastungsgrenzen gestoßen und haben gelernt zu sehen, dass wir einen ziemlich guten Job machen als Eltern und auch uns nicht aufgeben haben. Dies ist ein ziemlich gutes Gefühl. Genau dies versuche ich weiterzugeben.
 LoloStock

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